Wie du die Welt veränderst – Die Transition Town Totnes und der Gandhische Eisberg

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Impressionen aus Totnes (UK) und dem Workshop: Gandhian Iceberg and Gift Ecology von Kai Sawyer

Wie verändert man eigentlich die Welt? Stellst du dir diese Frage vielleicht auch manchmal? Kurz nachdem man sich mit dieser Frage beschäftigt, kommen viele Menschen zu der Annahme, dass das nicht geht. Ich bin aber überzeugt, dass es eine falsche Annahme ist, denn schon immer haben Menschen die Welt verändert und sie ist im stetigen Wandel. Außerdem, warum sollte ich ein Leben in Hoffnungslosigkeit verbringen wollen? Also, einmal in die Hände gespuckt; und ich mach mir die Welt, wie sie mir gefällt. Nur, wie lässt sie sich zum Guten ändern und was ist gut überhaupt?

Damit beschäftigt sich Kai Sawyer schon seit langer Zeit, und ich hatte die Möglichkeit, ihn in seinem Workshop: Gandhian Iceberg and Gift Economy in Totnes begegnen zu dürfen.

In diesem Artikel berichte ich von meinem Aufenthalt in der Wandel-Stadt Totnes und beschreibe, was ich vom Gandhian Iceberg gelernt habe.

Ein spezieller Ort

Totnes, eine Stadt die auf dem ersten Blick wie jede andere wirkt. Bei der Einfahrt in den Ort waren die Erwartungen von mir und meiner Frau deutlich enttäuscht. Außer einem Hinweis auf dem Eingangsschild, dass es sich um eine “Fairtrade” Stadt handelt, ist erstmal nichts von Wandel und alternativem Leben zu sehen.

Die Möglichkeit, hier einen interessanten Workshop zu besuchen hat mich und meine Familie nach langer Zeit nun endlich in den Südosten Englands geführt. Unsere Erwartungen an eine Stadt, die mit einer Vorreiterrolle im Bereich von Nachhaltigkeit hat, waren groß, jedoch der erste Eindruck viel ernüchternd aus.

Dies sollte sich aber im Laufe des Tages glücklicherweise noch ändern.

Wandel und Nachhaltigkeit

Wer mich und meine Frau kennt, der weiß, dass wir in vielen Bereichen etwas anders ticken. Seit einigen Jahren durchlaufen wir selbst einen Wandel und haben vieles in unserem Leben neu arrangiert.

Wir haben unsere Jobs neu definiert und wandeln unseren Lebensstil seit einigen Jahren bewusst um. Der Umzug 2015 nach Großbritannien war ein wichtiger Baustein für diese Veränderung.

Wir haben unsere Jobs neu definiert und wandeln unseren Lebensstil seit einigen Jahren bewusst um. Der Umzug 2015 nach Großbritannien war ein wichtiger Baustein für diese Veränderung.

Unser Wunsch dahinter: Ein nachhaltiges, sinnerfüllendes Leben, das nicht nur uns selbst glücklich macht, sondern bei dem wir uns für eine Gesellschaft engagieren können, die sich den Herausforderungen des modernen Lebens stellt, statt verblendet. Eine Gesellschaft, die Leid und Ungerechtigkeit beendet, statt ignoriert. Mit Empathie, Mitgefühl und gegenseitiger Wertschätzung.

Da kam der Workshop “The Gandhian Iceberg and Gift Ecology” in Totnes, im „Reconomy Centre“ gerade richtig, um den eigenen Standort aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten und hinzufühlen, wie es weitergeht.

Der zweite Eindruck zählt mehr

Glücklicherweise hielt sich der enttäuschte erste Eindruck nicht lange. Ein morgendlicher Spaziergang durch die Wandel-Stadt (finde hier mehr zum Thema Transition Town) verbesserte unsere Stimmung. Kleine lokal geprägte Läden, in denen teils mit regionaler Währung gezahlt werden kann, waren schnell gefunden. Ein recht umfangreicher Markt mit regionalen, vorwiegen nachhaltig produzierten Produkten fühlte sich gut an. Überall in der Stadt verteilt gab es Informationen zu Gemeinschaftsprojekten, wie zum Beispiel Gemeinschaftsgärten.

Die Stadt ist sehr lebendig und was sofort ins Auge fällt sind die unterschiedlichen Menschen, und wenn man Schubladendenken hat, dann bräuchte man für Totnes eine ganze Menge davon, denn hier findest du Menschen aus vielen Ländern und Hintergründen und es wuselt überall, jedoch in entspanntem Tempo. Die Atmosphäre wirkt mir anders, als in anderen Städten. Irgendwie fühle ich mich insgesamt mehr geborgen, friedlich und entspannt. Ganz anders, als in anderen Städten, in denen ähnlich viel los ist.

Auch Zeit scheint hier anders zu funktionieren. In England bin ich Small Talk ja gewöhnt. Es wird oft ein kurzer Plausch an der Kasse gehalten. Entgegen der effizienten Kundenabfertigung in Deutschland wird relativ häufig miteinander geredet und der nächste Kunde wartet gut und gerne einige Minuten dafür. Ich denke dann oft: In Deutschland würde die restliche “Schlange von 2 Leuten” sofort auf die Barrikaden gehen.

In Totnes geht man da aber sogar noch ein Stückchen weiter. Gespräche sind tiefer und offener. Ob es einfach nur an meiner Entspanntheit an diesem Tag liegt, oder tatsächlich an der Stadt, kann ich aber nicht sicher sagen.

Workshop – Begrüßung mit einer unglaublichen Geschichte

Kai Sawyer @Totnes Reconomy Centre

Unser Workshop Leiter Kai kommt aus Japan. Er sagt, in seiner Heimat wird er als „halber“ bezeichnet, weil er zwar dort geboren ist, seine amerikanischen Wurzeln aber.

Kai lebte in der Metropole und Vorstadt Japans, im Wald Costa Rica, auf Hawaii, in Santa Cruz CA, in zentral Amerika sowie Orcas Island WA. Kann sein, dass ich noch etwas ausgelassen habe. Er ist Aktivist für Friedensbewegungen, und Friedensstifter. Seine Lebensthemen sind Permakultur, Achtsamkeit und Liebe. Geprägt haben ihn insbesondere 9/11, als Amerika kurz nach seiner Ankunft dort in den Krieg zog, ebenso wie seine Rückkehr nach Japan nach dem Fukushima Vorfall. Außerdem hat er an einem 10-tägigen Vipassana eilgenommen, für das er selbst gar nicht zahlen durfte.

  • Vipassana = Einsichtsmeditation bzw. auch „Achtsamkeitsmeditation“ genannt.

Das war aber bei Weitem nicht alles, denn ein einsamer Aufenthalt im Dschungel Costa Ricas mit einem 360° Panorama Natur Klo gehörte auch zu seinen unzähligen Lebensgeschichten.

Seinen ausführlicheren Hintergrund findest du in seinem englischen Blogbeitrag.

Unter Menschen, denen etwas wichtig ist – und mit Kind

Als Freilerner Familie haben wir viel Flexibilität in der Gestaltung unserer Zeit und so konnten wir an einem Freitag die Möglichkeit nutzen, gemeinsam mit unserer Tochter den Workshop zu besuchen. Es war abzusehen, dass sie nicht die ganze Zeit dabei sein wollte. Sie konnte es sich aber auf einem Sitzsack gemütlich machen und begleitete uns an diesem Tag mit Engelsgeduld, während des 8h Workshops. Danke auch, das Team des Reconomy Centre, das sie einlud, zwischenzeitlich im Coworking Bereich zu verweilen, wo sie sich gestalterisch verausgabte, und lange konzentriert vor sich hinarbeitete.

Die Workshop-Gruppe war gut gemischt, einige Teilnehmer besuchten schon vorab schon einen Vortrag von Kai.

Kai wirkt geübt indem was er tut und strahlt viel Ruhe aus, besonders bewegend jedoch war es für die meisten Besucher, wenn er davon erzählte wie nervös er immer noch ist, auch wenn er vor nur etwa 15 Menschen wir uns an diesem Tag spricht. Kaum zu glauben, insbesondere nachdem wir in seine Lebensgeschichte eingetaucht sind und wussten, dass er mit Regierungschefs kochen geht und unzählige Vorträge hielt, wie diesen TEDxTodai: An invitation to stop: Kai Sawyer.

Bei ihm weiß man: Er macht das alles, weil es ihm wichtig ist und er kreiert seinen eigenen Weg, auch wenn es schwer ist.


The more you care, the more pain you wear


Im Workshop gab es viele Gesprächsrunden, die weiter darauf hinausführten, sich mit den Mitmenschen zu verbinden und die eigenen Handlungen zu reflektieren und Gedanken andere wirken zu lassen.

Als Übung blieb dabei vermutlich der Mingle Dance bei allen hängen, bei dem quer durcheinander gesungen und getanzt wurde, bis zufällige Gruppenkombinationen sich austauschen sollten.

Der Eisberg – Worum geht´s?

Die Spitze des Eisbergs – Satyagraha

Es hat einige Zeit an Aufwärmung gebraucht, bis wir überhaupt in das Thema des Eisbergs eingetaucht sind. Der Workshop bot uns 8h Zeit. Für Snacks sorgten alle Teilnehmer, die etwas mitbrachten. Keiner musste hungern. Ein kleiner Vorgeschmack also für den Workshop-Teil Gift Economy.

Jedoch, der erste Teil des Workshops behandelte im Prinzip die Inhalte des Buches: The Gandhian Iceberg, A Nonviolence Manifesto for the Age oft the Great Turning von Chris Moore-Backman.

Es ging darum, was man selbst aber auch die Gesellschaft dafür tun kann, oder gar muss, um ein utopisch anmutendes Zeil zu erreichen: Frieden.

Der Buchtitel basiert auf den Errungenschaften und Hinterlassenschaften des Mahatma Gandhi. Der friedliche Aktivismus, den Gandhi versuchte zu vermitteln, ist für viele Menschen nur schwer zu begreifen. Die Ausführung von Satyagraha, beschreibt dem Workshop nach, das Festhalten an der Wahrheit, mit allen Konsequenzen. Trotz einiger Zeit, die wir im Workshop darüber diskutierten, konnten wir letztlich nur sehr begrenzt das Thema fassen. Es lohnt sich definitiv sich mit den dazugehörigen Begriffen zu beschäftigen, wie:

Nicht so effektiv

Ich hatte vor einiger Zeit mal eine Bekannte, die in den Siebzigern an Protesten teilnahm, gefragt, ob die Streiks damals denn irgendwas geändert hätten. Ihre Antwort war klar nein. Aber warum denn das Ganze?

Heutzutage soll und muss alles messbar sein. Das ist für vieles nützlich und hat über viele Jahre zum Wohlstand beigetragen und insbesondere für logisch denkende Menschen scheint der Akt von gewaltloser Bereitschaft von Leid und Schmerz sinnlos, denn er ist ineffektiv und wenn man sich die Welt heute anschaut, dann scheint Gandhis Mission ein katastrophaler Flop zu sein. Es herrschen Kriege überall auf der Welt. Von Weltfrieden und Gleichberechtigung scheinbar keine Spur.

In diesem Artikel über Mahatma Gandhi, indem über den Triumph Gandhis die Rede ist, wird das scheinbar bestätigt. Und genauso handeln diejenigen, die auf erfolgreiche Ergebnisproduzenten hören: Restriktion, Verurteilung, Bestrafung. Ich spreche damit nicht nur die großen gesellschaftlichen Konflikte an, sondern auch die kleinen in der eigenen Familie.Bedeutet das also, dass wir uns unter Hoffnungslosigkeit begraben sollen und Frieden ohne Gewalt einfach abstempeln?

Satyagraha bedeutet also, sich aktiv an der Wahrheit zu beteiligen und dabei alle Konsequenzen zu tragen. Auch wenn diese zum eigenen Leide beiträgt. In der Geschichte gab es immer wieder herausragende Menschen wie Gandhi, die das getan haben.

Doch ich bin kein Gandhi, wie kann also jedermann, auch ich, immer mit Liebe handeln? Der Gandhische Eisberg besteht aus mehr als nur der Spitze. Gehen wir also eine Etage weiter runter und kommen zum konstruktiven Programm.

Der große Teil an der Oberfläche – Das konstruktive Programm

Wenn man sich den Eisberg als treibenden Gegenstand im Gewässer vorstellt, dann ist das konstruktive Programm das, was zu größten Teilen an der Oberfläche zu sehen ist. Es handelt sich um die alltäglichen Taten, die jeder sehen kann.

Du erkennst sie, wenn du dir folgende Fragen stellst: Wie verhalte ich mich ohne bewusste Konzentration? Wie verhalte ich mich gegenüber Mitmenschen auf der Arbeit oder in der Gemeinde? Es handelt sich um die Dinge, die wir für andere Menschen und in der Gesellschaft tun, weil wir uns dazu entschieden haben, oder weil sie für uns mittlerweile normal sind. Den größten Teil haben wir bis zum 13 Lebensjahr einprogrammiert, sozusagen unser Autopilot.

Sie alle beruhen auf etwas, dass unter der Oberfläche schlummert – der Arbeit an uns selbst.

Dies ist der größte Teil des Eisbergs, die Grundlage für alles was an der Oberfläche zu sehen ist, die wir uns also mal näher anschauen.

Unter der Oberfläche – Die Selbsterleuchtung

Die Arbeit an uns selbst bis hin zur Selbsterleuchtung. Wird’s jetzt spirituell?

Ich denke, über Gandhi zu sprechen, wird nicht ganz ohne Spiritualität funktionieren. Der gandhische Eisberg ist ein Modell, das aufzeigt, wie man zur Selbsterleuchtung gelangt. Um Selbsterleuchtung oder, um es weniger spirituell auszudrücken, Selbsterkenntnis zu erlangen, bedarf es Zeit, viel Zeit und Beschäftigung mit sich selbst und seinen Gedanken.

Kai ist Vorreiter und (Mit-) Anführer einer Bewegung, die einfordert langsamer zu machen. Dazu lädt er auch bei seinen Workshops ein. Seine Lebensgeschichte ist ein ziemlich radikales Beispiel, wie man sich aus dem bekannten Hamsterrad immer wieder entziehen kann. Sicher kann das nicht jeder exakt so, aber jeder kann, nein, sogar muss seinen ganz eigenen Weg gehen.

Zusammenfassung: Was habe ich jetzt von diesem Teil des Workshops für mich mitgenommen, bzw. vertieft?

  • Warum Gewaltfreiheit so wichtig ist und wie ich ihr ein weiteres Stück entgegenkomme. Insbesondere ein Satz von Kai hat mich beeindruckt, als er über seine frischen Erfahrungen als Vater offen war. Er sagte: „Wie kann man einem so kleinen Wesen gegenüber so wütend sein.“ Bezogen auf die täglichen Herausforderungen, als Eltern zu funktionieren und dem eigenen Kind liebend zu begegnen. Eine persönliche Geschichte von mir kannst du in meinem Beitrag „Warum Kinder in den Kühlschrank müssen“ lesen.
  • Frieden lässt sich durch Verbundenheit und Vielfalt kreieren. In einem Gespräch über Meinungsverschiedenheiten ist mir ein Satz durch den Kopf gefahren: „Oh, ich finde deine unterschiedliche Denkweise großartig.“ – Stell dir vor, jeder könnte auf diese Weise jedem ehrlich zuhören! Übrigens, mit diesem Thema beschäftige ich mich auch auf meiner Empathie Radrundreise.
  • Wie erreicht man Selbsterleuchtung? Immer wieder anhalten, beobachten. Ich kann es zulassen, zwischendurch immer wieder anzuhalten, um meine Handlungen und Beobachtungen zu reflektieren.
  • Gewaltfreier Ungehorsam ist auch heute noch möglich – und gemeinsam machts mehr Spaß und Sinn. Es geht nicht um die Ergebnisse, sondern um das Richtige zu tun. Dass jeder das Richtige tut kann keine Erwartung sein, genauso wenig, dass man selbst die Wahrheit für sich gepachtet hat. Es gibt verschiedene Ebenen der Wahrheit, zum Beispiel:
    • Die eigene Wahrheit
    • Die gesellschaftliche Wahrheit
    • Die kulturelle Wahrheit
    • Zeitgeistliche Wahrheit
  • Persönlicher Erfolg ist: Seine Werte verkörpern. In einer Welt, in der alles messbar sein muss, werden viele Erfolge nicht wahrgenommen. Mit dieser Einstellung versteifen sich die meisten Menschen auf den ultimativ messbaren Lebensweg: die eigene berufliche Karriere. Die richtige Karriere belohnt dich. Belohnungen bedeuten Erfolg, bekommt man keine, oder gefühlt zu wenig Belohnung, dann hat man auch keinen Erfolg. Könntest du aber Erfolg verspüren, ohne für deine Bemühungen direkt wieder belohnt zu werden? Das wäre der nötige Schritt zur Selbsterkenntnis.
  • Bewegt durch Liebe. Bücher inspirieren. Eine Empfehlung während des Workshops war das Buch: Moved by love, von Vinoba, der sich durch Gandhi inspiriert, 20 Jahre lang von Dorf zu Dorf bewegte und Landbesitzer darum bat, ein Stück ihres Landes für die Armen abzugeben. Ich möchte mich davon auch inspirieren lassen und selbst inspirierendes tun. Auf meiner Radreise werde ich mich deshalb von Liebe leiten lassen und meinen eigenen inneren und äußeren Weg der Liebe fortführen. Ganz nach dem Motto: gehvoraus – nur eben mit dem Rad 😊

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In einem nächsten Artikel: Wie du die Welt veränderst – die Geschenke Ökonomie

lebe sinnvoll,

Björn

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