Du “sockst” Dude! Kindisches Selbstwirksamkeitstraining (Neue Edition)

Dieser Beitrag ist mittlerweile schon ein bisschen her, als ich ihn geschrieben habe und passt gut zum Artikel Warum Kinder in den Kühlschrank müssen, den du im wunderbaren Blog Indenbrunnen.de finden kannst. Ich habe ihn an ein zwei Stellen nochmal bearbeitet, da er ursprünglich mal ein Gastbeitrag auf einem Blog war, den es leider nicht mehr gibt.

Stress am Morgen?

Wenn ich in Gesprächen mit anderen Eltern bin, dann bin ich den meisten Reaktionen zufolge mit einer seltenen Spezies Kind gesegnet – Einem Langschläfer.

Dies erweist sich an Wochenenden durchaus als praktisch und beschert uns Eltern hier und da entspannte Wochenendabende und unbekümmertes länger liegen bleiben am nächsten Morgen. An Schultagen kann es bisweilen zu Problemen und Frustration führen, wenn Kindchen wegen der Müdigkeit zum Motzklotz mutiert.

Unzufriedenheit führt allerdings auch bishweilen zu genial einfachen Problemlösungen, die ich unbedingt teilen möchte. Deshalb eine weitere lustige Anekdote aus unserem Familienleben.

An einem ganz gewöhnlichen Schultag mutiert unsere kleine Prinzessin zu einem wahren Oger. Schuld daran ist einerseits Papa, der mal wieder die tickende Uhr im Nacken verspürt, die darauf aufmerksam macht, dass nicht mehr viel Zeit bleibt um das Haus rechtzeitig zu verlassen. (Tipps gegen Zeitdruck gibts hier, aber erst später klicken:)

Aufgrund irgendeines, noch unerklärlichen Phänomens, tendiert unser kleiner Nachwuchs dann obendrein dazu, einen noch unerforschten Schalter umzulegen um alles zu tun, was das Gegenteil von dem ist, was Vater oder Mutter mit den ganzen seltsamen Forderungen erreichen wollen.

Manchmal geht es dabei nur um das Anziehen eines Kleidungsstücks. Spezifischer:

DIE SOCKE!!!

Also, folgendes spielte sich ab. Mutter, Vater und Kind waren gerade im Kinderzimmer versammelt. Irgendwie klappt aber auch gar nichts. Die Sachen passen nicht gut und alles zwickt und sitzt nicht richtig. Nach gefühlt endlosem Kraftakt waren schließlich noch die Socken übrig.

Mutter stellt folgende Frage: Welche Socken ziehst du heute an, die schwarzen oder die weißen?

Im Konfrontationsmodus, mit glühendem, aber auch schelmischen Grinsen…und nach einer längeren Denkpause erwiedert das Kind:

BEIDE (haha, Mutter, damit hast du nicht gerechnet…was nun?)

Mutter antwortet gelassen: Ok!

Mutter nimmt jeweils eine Socke jeder Farbe und rollt die anderen beiden wieder zusammen und räumt sie in den Schrank.

Vater denkt: (Oh wie geil, das war die richtige Reaktion Schatz, aber was machen wir, wenn sie bei der Meinung bleibt? Kriegen wir dann Ärger in der Schule?)

Kind: (???)
Mutter übergibt die Socken und plötzliche Änderung des Gesichtsausdrucks des Kindes. Alles scheint, als würde es heute noch überhaupt keine Auseinandersetzung gegeben haben. Kind zieht Socken an und freut sich und will tatsächlich so zur Schule…warum eigentlich nicht?

Es steht nirgends, dass dies nicht möglich sein soll.

Ich muss zugeben, dass ich die Idee und Reaktion meiner Frau total klasse fand. Ich muss mir aber ebenso selbst vorwerfen, dass ich mir darüber Gedanken machte, was wohl die anderen Eltern und Schüler von dieser Aktion halten würden.

Meiner Frau konnte es ja egal sein, sie bringt das Kind ja nicht zur Schule, ich muss das ja dann rechtfertigen. Typischer Fall von abgespeicherte Verhaltensprogramme, verdammt!!! Warum hab ich Schiss, wenn ich die ganze Aktion eigentlich ziemlich cool UND RICHTIG finde?

Ich habe mich selbst wieder dabei ertappt, wie ich beinahe meinem Kind einer Erfahrung beraubt hätte, nur weil ich von anderen Eltern nicht komisch angeguckt werden wollte.

Das eigentliche Besondere an dieser kleinen Story folgt aber noch.

Nachdem ich mich mit dieser Entscheidung angefreundet habe und meine kleine Tochter für ihr Selbstbewusstsein bewunderte, war ich nun durchaus erwartungsvoll gespannt auf Reaktionen.

Ich gab mir Mühe auf dem Weg zur Schule ganz viel Selbstvertrauen zu sammeln und behielt meine Bedenken zurück und zeigte mich erfreut über den Mut, etwas anders zu machen, damit kurz vor der Schule kein Rückzieher gemacht wird oder gar etwas bereut wird. Wir unterhielten uns auf dem Weg darüber, was das Gute daran ist, verschiedenfarbige Socken zu tragen.

Als wir auf dem Schulhof ankahmen gab es zwar ein paar Blicke aus der Ferne, aber das war es auch schon.

Die Resonanz am Nachmittag war sogar phänomenal. Nach Schulschluss kam mir ein selbstbewusstes und glückliches Kind entgegen und erzählte mir davon, was die anderen Kinder von der Aktion hielten und sogar dass die Lehrer den modischen Schachzug toll fanden.

Wir wünschen uns unsere Tochter häufig etwas mutiger und selbstbewusster. An diesem Tag war sie das und stellte mich obendrein in den Schatten.

Das Ganze hat sogar soviel Spaß gemacht, dass wir das am nächsten Tag nochmal durchgezogen haben, bevor es wieder “ordentlich” zur Schule ging.

Selbstbewusst kann man nur werden, wenn man die Chance bekommt selbst und bewusst Entscheidungen zu treffen. Dafür müssen wir Eltern uns aber hin und wieder zurück nehmen, oder Angebote machen, zu denen wir auch selber stehen.

Am Ende frage ich mich sogar, war das jetzt Selbstbewusstseins-Training für mein Kind, oder doch eher für mich?

Da kommt mir gerade ein Gedanke auf. Wenn eine Schulpflicht in Deutschland besteht, warum eigentlich für Kinder? Ist es nicht eigentlich sogar so, dass wir lernwillig auf die Welt kommen und Erwachsene diejenigen sind, die weniger Bereit sind dazu zu lernen?

Die Armeen aus Gummibärchen
die Panzer aus Marzipan
Kriege werden aufgegessen
einfacher Plan
kindlich genial
Kinder an die Macht – Grönemeyer

Hinterlasst mir euere Kommentare, habt ihr ähnliche Situationen gehabt? Was habt ihr von Kindern gelernt und setzt ihr es auch um?

Song des Tages (Achtung Ohrwurmgefahr)

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