Empathie-Post: Über Superkräfte, empathische Bedrängnis und eine Sucht

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In der wöchentlichen Empathie-Post greife ich Gedanken aus der Empathie-Lounge auf und teile mit dir Erfahrungen zu effektiver und wertschätzender Kommunikation, erfüllende Beziehungen und kleine Schritte für ein zufriedenstellendes und glückliches Leben.

Liebe*r Empathiker*in, wurde dir schon mal etwas gesagt, dass dich sprachlos gemacht hat? Ich vermute mal. Wie hast du darauf reagiert?

Die letzte Empathie-Lounge hat mich sehr nachdenklich gestimmt und noch mal betrachten lassen, wofür der Begriff Empathie für mich steht und wofür meine Empathie-Lounge stehen soll.

In diesem Beitrag geht es deshalb darum, was Empathie für mich bedeutet und warum ich sie für die Superkraft für deine Beziehungen halte. Ich teile mit dir außerdem etwas, das ich „empathische Bedrängnis“ nenne und es geht um eine Sucht, der du vermutlich auch unterliegst.

Warum Empathie deine Superkraft ist und den Unterschied macht

Verstehen ist keine Empathie…kann aber helfen.

Wiederzugeben was gesagt wurde, kann ein Hilfsmittel sein, um festzustellen, ob du jemanden verstanden hasst. Dass du die Worte von jemanden perfekt wiedergeben kannst, bedeutet aber noch nicht, dass du empathisch bist. Ich hatte schon Situationen, in denen eine andere Person meine Worte exakt wiedergegeben hat und dennoch fühlte mich nicht gehört oder besser gesagt, wahrgenommen.

Dass du die Worte von jemanden perfekt wiedergeben kannst, bedeutet noch nicht, dass du empathisch bist

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Empathie ist für mich deshalb mehr als gut zuhören, sie ist in meinen Augen eine Superkraft, dessen Potenzial oft nicht genutzt wird und die in jedem Menschen steckt. Wer seine Empathiefähigkeit richtig nutzt, wird von tiefen und vertrauensvollen Beziehungen profitieren, beruflich und privat. Welche Auswirkungen das auf dein Leben haben kann, darüber werde ich in einem separaten Beitrag schreiben.

Empathie zahlt sich insbesondere dann aus, wenn es Meinungsverschiedenheiten gibt, wenn sich unterschiedliche Bedürfnisse oder Interessen gegenüberstehen, oder bei Unsicherheiten. die gewöhnlich dafür sorgen, Gedanken zu verbergen, statt sie mit Menschen, die helfen könnten zu teilen.

Aber wie ist man jetzt eigentlich empathisch?

Ich würde empathischen Umgang in etwa so beschreiben:
Empathischer Umgang ist behutsam, fürsorglich, schonend, vertrauenswürdig und vorsichtig.

Meine unvollständige Liste davon, wie du Empathie entgegenbringst, sieht deswegen in etwa so aus:

  • Du gehst mit deinen Bewertungen behutsam um.
  • Du bittest um Erlaubnis, bevor du antwortest oder Hilfe anbietest.
  • Du verhältst dich geduldig.
  • Du schenkst deinem Gegenüber bedingungsloses Vertrauen, auch wenn deine innere Stimme widerspricht.
  • Du interessierst dich ernsthaft für dein Gegenüber, insbesondere, wenn du anderer Meinung bist.
  • Du lässt anderen eine Wahl und akzeptierst, dass eine Unwahrheit auch eine rechtmäßige Option ist.

Der vielleicht beste Weg, um sich in Empathie zu üben, ist, sich damit vertraut zu machen, wie es sich anfühlt, wenn man selbst Empathie entgegengebracht bekommen hat. Ich nehme es in etwa wie folgt wahr.

Ich fühle mich:

  • Gehört
  • Gesehen
  • Verstanden
  • Wahrgenommen
  • Ernstgenommen
  • Wertgeschätzt

Mir wird dabei volle Aufmerksamkeit geschenkt, ich habe Raum und werde nicht unter Druck gesetzt. Wenn ich das jetzt umkehre, weiß ich, wie ich selbst empathisch sein kann. Es kommt beim empathischen Umgang zum Beispiel darauf an, was ich sage, welche Körperhaltung ich habe oder welche Betonung ich nutze. Empathie geht nicht einfach nur nebenbei, sie ist vollständige Aufmerksamkeit mit allen Sinnen.

Empathie geht nicht einfach nur nebenbei, sie ist vollständige Aufmerksamkeit mit allen Sinnen.

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Genau darum geht es mir in der Empathie-Lounge. Es geht darum, genau das zu explorieren. Manchmal gehört es dazu, etwas wiedergeben zu können, aber eben noch viel mehr.

Empathische Bedrängnis

Es gibt einige Situationen, in denen eine empathische Reaktion eine große Herausforderung sein kann. Gerade wenn andere Menschen leiden, wollen wir oft (zu) schnell helfen, bewerten voreilig und verspielen Chancen, um Beziehungen zu vertiefen und echte Verbindung zu schaffen, um langfristig und wirksam nützlich zu sein. In anderen Momenten sind wir einfach überfordert mit dem Thema, vielleicht weil es um etwas geht, dass wir vermeiden, wie zum Beispiel, dass es im Leben auch Dinge gibt, die unangenehm sind.

Gerade deswegen finde ich Empathie so bedeutsam. Es geht dabei nicht um positives Mindset nach dem Motto, alles wird gut, du musst nur fest genug dran glauben. Empathie wird dir vermutlich in solchen Momenten entgegengebracht, wenn du noch in einem Moment das Gefühl hast, dass das Gewicht der ganzen Welt auf deinen Schultern lasted und plötzlich stellt sich jemand mit dir gemeinsam unter dieses Gewicht und übernimmt die Last mit dir.

Besonders herausfordernd kann es aber sein, wenn zum Beispiel, ein Freund davon erzählt, dass er sein Kind verloren hat. Der Partner oder die Partnerin mit einer Krebsdiagnose vom Arzt nach Hause kommt. Oder gar, wenn die eigene Tochter einem offenbart, dass sie von ihrem Freund misshandelt wurde. Solche Momente nenne ich “empathische Bedrängnis”. Wie kann man in solchen Momenten die Last mittragen? Hast du darüber schon mal nachgedacht?

Ich arbeite gerade eine Liste aus, die Beispiele für empathische Antworten auf schwierige Themen beinhaltet. Welche Aussagen haben dich schon mal in “empathische Bedrängnis” gebracht? Würde dich eine Sammlung an einfühlsamen Antwortmöglichkeiten interessieren? Wenn ja, für welche Themen?

Schreibe mir einen Kommentar oder eine E-Mail.

Unter uns Süchtigen

In Zeiten von Zoomgesprächen wird häufig darüber diskutiert, wie eigentlich damit umzugehen ist, wenn andere Teilnehmer ihre Kamera ausgeschaltet haben oder sich an Meetings nicht aktiv beteiligen. Gerade wenn ich solche Meetings leite, treibt mich der innere Drang, unbedingt wissen zu wollen, was die Teilnehmer beschäftigt. Doch was steckt hinter diesem Wunsch? Ich habe festgestellt, dass es das Verlangen nach Kontrolle ist und dass ich ganz offenbar süchtig danach bin. Lass mich dafür einen Vergleich heranziehen.

Hast du schon mal vor einer Kamera gesprochen? Fällt es dir leicht? Also mir fällt das oft immer noch schwer, weil mir die Interaktion, die in Gesprächen normalerweise vorhanden sind, in diesem Fall fehlen. Deshalb habe ich lange geglaubt, dass ich vor der Kamera nicht reden kann. Doch ist das so? Mit der Zeit habe ich gelernt, dass das nicht der Fall ist. Ich war nur süchtig nach Signalen und Reaktionen, die mir dabei helfen, mich einzuschätzen. Was ich eigentlich wollte, war Bestätigung und ich wollte Dinge herausfinden wie: Hab ich das gut gemacht? Sind andere meiner Meinung? Ich habe versucht durch das Interpretieren von Reaktionen versucht Kontrolle zu erlangen.

Wenn ich mich in einem Zoom Meeting danach sehne, dass andere Teilnehmer die Kamera einstellen, dann sehne ich mich also eigentlich nach Bestätigung, die sich normalerweise in Form eines Lächelns, eines Nickens oder Ähnliches zeigt. Wenn solche Dinge wegfallen, stehen wir erst mal vor einem Kommunikationsproblem. Es fehlt gefühlt die Kontrolle, weshalb das oft für innere Unsicherheit sorgt. Doch liegen wir eigentlich mit unseren Einschätzungen richtig? Was ist, wenn uns jemand genau diese Signale verweigert? Was ist, wenn Signale von mir falsch interpretiert werden?

Bist du dir deinem Wunsch nach Bestätigung in Gesprächen bewusst, oder glaubst du überhaupt, dass das bei dir auch der Fall ist? Lass es mich in den Kommentaren oder per E-Mail wissen.

Lebe sinnvoll,

Björn

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2 Kommentare. Hinterlasse eine Antwort

  • Michael Vaqîl Maaß
    20. März 2021 9:24

    Lieber Björn und liebe Empathiker.innen,

    da sind in der letzten Woche ja wieder viele Impulse aufgekommen. Mir geht es da ähnlich wie dir, lieber Björn. Beim empathischen Austausch (Gespräch) sind wir alle – aufgrund z.B. unterschiedlicher Sozialisation – mit anderen Erwartungs- und Vorstellungshaltungen behaftet. Im günstigsten Fall sprechen wir darüber und (können) vereinbaren, wie wir miteinander umgehen. Als Grundlage unterstützen uns Konzepte dabei, die jeweilige Individualität braucht dazu auch ihren Raum. Mit wechselnden Personen ist das erst einmal aufwendiger. Bei gleichen Teilnehmer.innen gehen wir (ich) gerne davon aus, dass sich das geklärt hat! Ist das so? Laßt uns behutsam immer mehr Vertrauen gewinnen, um uns fallen lassen zu können. (Traumatische) Erlebnisse sind, wenn sie geteilt werden (können), schon meist weniger belasstend. Sich beim Anderen geborgen fühlen wünsche ich uns allen, stets offen zu sein für sich und andere, damit wir gemeinsam in unse Freude und Lebendigkeit wachsen.

    Michael Vaqîl

    Antworten

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