Empathie-Post: Welche Rolle spielt Empathie im Umgang mit Traumatisierten Menschen?

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Manches hält sich im Verborgenem auf - Moos an einem Baum im Hintergrund
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Willkommen bei der Empathie-Post in dieser Woche. Jede Woche greife ich Gedanken aus Gesprächen und der Empathie-Lounge auf und teile mit dir Erfahrungen zu effektiver und wertschätzender Kommunikation, erfüllende Beziehungen und kleine Schritte für ein zufriedenstellendes und glückliches Leben. Jeden Samstag um 11 Uhr öffne ich die digitalen Türen zu mir und biete allen Besuchern einen Übungsplatz für gelingende Kommunikation. Schreibe mir doch eine E-Mail, wenn du dabei sein möchtest.

In diesem Beitrag geht es um den Einfluss von Trauma in unserer Gesellschaft und speziell in unseren Beziehungen.

Wechselseitig

Die Definition von Empathie ist relativ einfach und verständlich, doch es gibt vielseitige Literatur zu diesem Thema, und wenn man sich da durcharbeitet, stellt man schnell fest, dass das Thema fast wie ein Fass ohne Boden ist.

Je länger ich mich mit damit beschäftige, desto mehr neue Worte finde ich für die Beschreibung von Empathie und empathischen zwischenmenschlichen Vorgängen. Nicht nur in der Literatur, sondern insbesondere auch in der Empathie-Lounge. Zwei neu aufgetauchte Gedankengänge möchte ich an dieser Stelle teilen.

Die erste Formulierung entstand in der letzten Empathie-Lounge. Sie war ein Versuch, die Grenzen von Empathie zu verdeutlichen.

„Empathie ist auch die Bescheidenheit, sich im Klaren zu sein, nie wirklich zu wissen, wie sich jemand anderes fühlt. Sie ist die Bemühung, verstehen und mitzufühlen zu wollen, wie es in der Person aussieht und die Bitte um Bereitschaft, auf dieses Bemühen zu vertrauen. Sie lebt vom Versuch nicht zu verurteilen, denn jede Geschichte und jedes Gefühl ist einzigartig und individuell. Empathie ist demnach eine gemeinsame Interaktion und fehlende Empathie somit kein Resultat des Scheiterns der einen Seite“

Was sind deine Gedanken dazu?

Die zweite Formulierung entstand in einem Workshop des “Post Growth Instituts“, zum Thema „Asset Based Approach“ (Bestands-Basierte-Vorgehensweise).

„Empathy is asset based communication (Empathie ist Bestands-Basierte-Kommunikation). Empathische Kommunikation beginnt meiner Erfahrung nach immer damit herausfinden zu wollen, was beim Gegenüber gerade da ist. Sie versucht nicht voreilig zu korrigieren, zu kritisieren oder verurteilen. Das ist ein wichtiger Schlüssel für Ergebnis-bringende Kommunikation und basiert auf Ehrliche Mitteilung.”

Welches war das letzte Gespräch, in dem jemand mit dir empathisch kommuniziert hat und war das im beruflichen Kontext oder in einem anderen Lebensbereich? Was hat das mit dir gemacht?

Traumatisch

In der letzten Empathie-Lounge habe ich ein kleines Gedankenexperiment gewagt, das bei manchen Gästen Gefühle ausgelöst hat, die sie eigentlich gerade nicht haben wollten. Und plötzlich stand das große Thema „Trauma“ im Raum.

Letztendlich erlangten alle Beteiligten zwar viele wertvolle Impulse und Erkenntnisse, doch das getriggerte Gefühl war eigentlich nicht erwünscht, woraufhin eine kritische und berechtigte Frage an mich gerichtet wurde:

Weißt du eigentlich, was du damit alles auslösen kannst?“

Mittlerweile habe ich so einige Erfahrung darin, wie vielseitig Reaktionen von Menschen auf unterschiedlichsten Input sein können. Das führt zur Frage: Wie viel dürfen wir eigentlich und ist das überhaupt immer planbar oder einschätzbar?

Letztlich können wir immer etwas in anderen Menschen auslösen, das passiert auch, ohne dass uns das bewusst ist. Wenn ich jemanden zum Lachen bringe, dann ist das in der Regel kein Problem. Anders ist das, wenn in einem Gespräch etwas getriggert wird, dass auf ein erlebtes Trauma zurückführt.

Daraufhin kommen einige weitere Fragen auf:

Wie qualifiziert bin ich, um jemanden mit Trauma zu begleiten?

Dürfen nur Therapeuten mit traumatisierten Menschen umgehen?

Ist es Ok, in einem Rahmen wie der Empathie-Lounge als nicht-therapeutischen Ort Gedankenexperimente zu machen?

Wie können wir mit traumatisierten Menschen empathisch umgehen, insbesondere im Alltag?

Könnte ein „Mental-Health First Aid Programm“ nicht genauso selbstverständlich sein wie ein „Erste Hilfe Kurs“ für Sofortmaßnahmen bei lebensbedrohlichen Situationen sein oder gar ein Teil davon?

Das Thema mentale Gesundheit ein wichtiges Thema und verdient Aufmerksamkeit. Wieviel Zeit nimmst du dir dafür?

Die Weisheit im Trauma

Die meisten Menschen beschäftigen sich erst mit Themen wie Trauma, wenn sie selbst betroffen sind. Dann ist es oft zu spät. Mentale Beschwerden sind neben vielen anderen unsichtbaren Krankheiten oft erst mal nicht oder nur schwer zu erkennen. Empathischer Umgang kann einen bedeutenden Unterschied für Betroffene machen.

Wer sich mit dem Thema Trauma intensiver beschäftigen möchte oder sich einen ersten Überblick verschaffen will, kann viele Informationen finden. Ein paar hilfreiche Einblicke und Gedankenanregungen bietet der Film Wisdom of Trauma von Gabor Maté.

Das Filmprojekt der Elfriede-Friedrich-Stiftung – Through memories – the road to trauma therapy bietet auch für Angehörige betroffener Menschen hilfreiche Informationen. Meine aktuellen persönlichen Literatur-Empfehlungen, die Trauma auf gesellschaftlicher Ebene behandeln, sind:

Ecotherapy: Healing with Nature in Mind – Linda Buzzell, Craig Chalquist | buch7 – Der soziale Buchhandel

und

Braiding Sweetgrass – Robin Wall Kimmerer | buch7 – Der soziale Buchhandel

(beide z. Z. leider nur in englischer Sprache erhältlich)

Was können Nicht-Betroffene deiner Meinung nach dazu beitragen, einfühlsam mit Menschen umzugehen, deren Leid und Probleme äußerlich nicht oder nur schwer zu erkennen sind?

Lebe sinnvoll, dein Björn.

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4 Kommentare. Hinterlasse eine Antwort

  • Ein sehr spannendes und sehr wichtiges Thema. Bei Trauma denken viele an “große” Ereignisse. Es gibt aber auch sehr viele kleine Momente die zunächst nicht offensichtlich traumatisch erscheinen. Und das ist ein Problem. Ich denke, dass wir alle in gewisser Weise traumatisiert sind. Selbst die Geburt ist traumatisch. Bei jedem Trauma ist es wichtig, was danach passiert. Wie wird darüber gesprochen, damit umgegangen. Wie sicher und geborgen fühlt sich die Person.Gibt Es Vertraute mit denen sie reden kann…etc.
    Wie geht man am besten damit um?
    Ich würde sagen, da sein. Was bedeutet, zuzuhören ohne zu werten. Hilfe anbieten. Fragen, was gebraucht wird. Fragen um zu verstehen. Und auch akzeptieren, dass man sehr wahrscheinlich keine Lösung finden wird aber ein Teil des Weges dorthin sein kann.
    Da sein, bedingungslos. Was nicht unbedingt leicht ist. Vielleicht hilft es auch, sich seiner eigenen Gefühle in dem Moment bewusst zu werden und im Mitgefühl zu bleiben. Nicht mitleiden sondern mitfühlen.

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    • Vielen Dank Ute. Meinen Erfahrungen nach kann ich deine Worte bestätigen. Wenn eine Sache immer funktioniert hat, wenn ich mit Menschen zu tun hatte, die plötzlich mit einem traumatischen Erlebnis konfrontiert waren, dann war es aufrichtige Aufmerksamkeit und einfühlende Präsenz. Das können mal Worte sein, aber oftmals sind es die Worte die ich nicht gesagt habe.

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  • Lieber Björn, zum Thema dürfen in der Empathielounge Gedankenexperimente gemacht werden?
    Für Menschen mit Traumaerfahrung ist das Thema Sicherheit ja heikel. Je nachdem wie präsent Bilder oder Einschränkungen im Leben sind wird das sicherlich unterschiedlich beantwortet. Meine Idee wäre zu fragen, ich habe das und das vor und bin unsicher, wie das wirkt, wie schätzt ihr das ein? Die Sehnsucht ist ja sichere Orte zu haben bzw. neue Erfahrungen zu machen. An der Traumaerfahrung ändert sich ja auch nur etwas, wenn man an die traumatische Erfahrung geht, in einem geschützten Rahmen. Aber mit der Frage können wir vorbereiten, so was wie Triggerwarnung – willst du dabei bleiben? Diese Trauer wird mir gerade klarer: ich habe gedacht, das ist ein sicherer Ort…das es eine ganz schöne Enttäuschung ist wenn auch dort ein Trigger wartet.

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    • Vielen Dank für dein Feedback. Du hast da total recht, das ist auf jeden Fall immer ein hilfreiches Mittel, um einen sicheren Container zu waren. Das gilt ja auch insbesondere für Feedback und Kritik.

      Halten wir fest: In der empathischen Kommunikation wenden wir auch insbesondere das Tool “Um Erlaubnis bitten” an. Eigentlich ein schönes Thema vielleicht für die kommende Woche.

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