Frustrationstoleranz – Vorsicht Beißgefahr!

Vielleicht erinnerst du dich an den Moment, als Mike Tyson scheinbar plötzlich hunger auf Ohr versprührte?

 

Im vorigen Artikel deutete ich ja an, dass ich selbst in der Vergangenheit recht bissig vor Wut sein konnte (oder ehrlich gesagt ziemlich sogar). Es gibt zum Thema Wut und Frustration unzählige Ratgeber, gefüllt mit „guten Rat-schlägen“. Hier soll es aber nicht so sehr um die gut gemeinten Ratschläge gehen, sondern ich führe ein wenig Selbstgespräch und versuche mich in Selbstreflexion und lade dich ein mitzuhören – bzw. mitzulesen.
Gab es für Dich schonmal ähnliche Situationen, oder kennst du jemanden, der sich mit Wutgefühlen plagt? Vielleicht findest du in diesem Artikel ein paar hilfreiche Einblicke in das Leben eines ehemaligen Wut-Kindes – Mich

Verzweifelt miteinander

Kissenfedern fliegen durch die Luft, vermengt mit einer Menge wild zerrissener Papierfetzen und dazwischen steht ein kleiner, schlaksiger Junge mit blondem Haar. Sein Gesicht eingefärbt in roter Farbe und mit wütendem Blick. Papa kommt rein und wundert sich:
„Was ist denn hier los?“ Denkt er sich, …
…in diesem Moment verlassen kleine bunte Legosteine die Hand des Jungen und segeln durch den Raum, bis sie klappernd die Zimmerwand treffen, zurückprallen und auf dem Boden landen. Bunt verstreut liegen sie da auf dem Boden, genauso durcheinander wie die Gedanken von Papa. Jeder Versuch dem kleinen Wüterich zu helfen wird mit noch mehr rot und weiteren Legosteinen als gescheitert quittiert. Jedes Wort scheint nur mehr das Feuer der Wut zu zündeln. Der Junge mit dem roten Gesicht ist aber nicht in der Lage etwas Vernünftiges sagen zu können, oder durch lieb gemeinte Worte zu ändern.

Nun, eigentlich gab es die Situation so in der Form nicht in der Wirklichkeit, aber ziemlich ähnliche Momente mussten meine Eltern oftmals mit mir durchmachen und sind daran regelmäßig verzweifelt.
Sei es die hitzige Auseinandersetzung beim „Mensch ärgere dich nicht“ – haha, welch zynischer Name – oder die Auseinandersetzungen mit Freunden beim Videospiel (an dieser Stelle möchte ich mich auch nochmal bei all meinen missbrauchten Controllern entschuldigen). Alle Niederlagen in der Vergangenheit sind mittlerweile verziehen und Videospiele haben heute eine ganz neue Bedeutung für mich als zu damaligen Zeiten und haben sogar einen Beitrag zu meiner Empathie-Fähigkeit geleistet. Sozusagen Videospiele als Empathie-Training.

Mittlerweile bin ich ja selbst Vater und betrachte diese Situationen nun natürlich aus einer anderen Perspektive. Ich bin durch meine eigene Vergangenheit sehr hellhörig, wenn es um das Thema Frustration und Wut geht. In Gesprächen mit anderen Eltern zeigt sich immer wieder: Viele Eltern fühlen sich hilflos, weil der geliebte Nachwuchs scheinbar nicht zu bändigen ist. Aber ist das eine Sache, die nur mit Kindern zu tun hat?
Wie steht es mittlerweile eigentlich um meine eigene Frustrationstoleranz? Habe ich etwas gelernt? Und wenn ja, was? Tun wir das, was wir uns von unseren eigenen Eltern gewünscht hätten, oder spielen wir letztlich das gleiche Programm ab? Inwiefern brauchen Erwachsene Frustrationstoleranz?

Außer Kontrolle – wegen einem kleinen Satz

Wir Eltern und unsere zu oft miese Kommunikation. Das beklagenswerte am Alltag ist, dass fast alles nur beiläufig gemacht wird. Egal ob in Situationen mit der Familie, im Job oder bei sonstigen Tätigkeiten.

Damals, beim Jungen, der Tische zerbiss lautete es schnell mal: „Du bist immer so ungeduldig“, oder „Stell dich doch nicht so an“, „Sei nicht so, warum kannst du nicht einfach mal verlieren?“.
Diese Phrasenliste ließe sich mit vielen weiteren Beispielen ergänzen. Ernsthaft, glaubt wirklich irgendein Mensch daran, dass solche Sätze helfen??? Glaubst du das? Glaube ich daran?

Unterdrückte Wut = unterdrücktes Potential?

Manipulationen, wie zum Beispiel: Gesellschaftsspiele zu meinem Vorteil zu verändern, oder mir bestimmte Aufgaben erst gar nicht mehr zu geben, haben leider eher dazu beigetragen, dass bei mir ziemlich viel Willen abhandenkam, oder Ziele zu folgen lahmgelegt wurden. Ich hatte nicht gelernt und geübt damit umzugehen. Die Wut verschwand aber nie.

Ich glaubte lange daran, dass ich keine Karten-, oder Gesellschaftsspiele mag, weil ich ja eh immer verliere und man es mir ja schließlich auch ständig sagte. Meine Wut wurde nur am Äußeren festgemacht. Übertragen auf positive Gefühle wie Freude, machen wir nicht auch denselben Fehler und werfen unseren Freunden, unseren Partnern unseren Liebsten vor nur Glücklich zu sein, wenn sie etwas bekommen? Machen wir uns überhaupt die Mühe hinzuschauen, welche Gefühle sie haben, während sie nicht gerade wutentbrannt durch die Gegend hüpfen, oder oberglücklich im Raume springen?

In meiner Vergangenheit war Wut und Frustration immer etwas Schlechtes, das es zu vermeiden galt. Und heute? Ich nehme mich meiner Wut als eines meiner Gefühle an und versuche mich darauf einzulassen. Sie ist kein pauschal schlechtes Gefühl mehr, sondern eines von vielen, zwischen anderen Gefühlen wie Liebe, Zuneigung, Angst, Sorge, Furcht, oder Freude.

„Sei nicht so wütend!“, oder „Hör auf so wütend zu sein!“

– sind das überhaupt Forderungen, die umsetzbar sind? Darf ich nicht auch glücklich sein, weil ich einen Moment genieße? Warum darf ich mich nicht über meine Situaton, egal ob selbstverschuldet, oder Fremdverschuldet, mal richtig ärgern? Die richtige Frage von mir wäre damals gewesen: Wie geht das?

Es ist leicht jemanden für sein Verhalten wegen seiner Gefühle zu verurteilen – ist es aber nützlich? Was könnte passieren, wenn man einfach mal ernstgemeintes Mitgefühl zeigt? Das geht doch auch, wenn jemand seine Trauer zeigt. Manchmal wirkt es für mich, dass Mitgefühl eigentlich fast nur gezeigt wird, wenn jemand traurig ist. Da ist es ok.

Wenn es aber um Wut und andere Gefühlte, negativ abgestempelte Gefühle geht, dann wird gerne sehr schnell gewertet.

Gib mir deinen Hulk, ich geb dir meinen

Als Vater wurde ich nun selbst mit einem kleinen Mini-Hulk beschert und lerne mehr und mehr die Zusammenhänge von Wut, Kraft und Willen. Ich habe alte Gewohnheiten hinterfragt, und auch tolle Bücher gelesen und mich mit inspirierenden Menschen unterhalten. Ich habe über mich und meinen kleinen Hulk gelernt und wie wir diese Eigenschaft für uns sogar zu Nutze machen. Dies führt gerne mal zu urkomischen Situationen, sodass Kinder manchmal in den Kühlschrank müssen. Wut kann so inspirierend sein.

“In der Wut steckt Kraft”

Unvorstellbar für mich, sogar noch bis vor wenigen Jahren, bleibe ich heute tatsächlich vielmals ziemlich gelassen, wenn es zu brenzligen Situationen kommt, oder zumindest bin ich weit davon entfernt in einen Tisch zu beißen.

Von außen betrachtet lässt sich vielleicht einfach behaupten: Björn, du bist halt erwachsen geworden und da „tut man sowas halt nicht“.
Aber ist das wirklich so? Also meine Beobachtungen im Alltag geben mir da eher ein anderes Bild.
Beobachten wir doch mal Erwachsene im Alltag genau, wie verhalten sie sich zum Beispiel, wenn sie:

• auf dem Weg auf der Autobahn schon zum dritten Mal im Stau stehen.

• mindestens zehn Leute an der einzigen geöffneten Kasse im Supermarkt anstehen.

• die Vorfahrt genommen bekommen.

• hinter einem zu langsam fahrenden Auto feststecken

• den Bus denkbar knapp verpassen

• auf dem Flughafen davon erfahren, dass der Flug in den Urlaub gecancelt ist – zum zweiten Mal!!!

• …bemerken, dass die Hotelrechnung unerwartet hoch ausfällt.

 

Mal ehrlich, jeder kennt doch mindestens eines dieser Videos, wo ein erwachsener Mensch völlig ausrastet. Völlig selbstverständlich wird dieser Mensch dann als verrückt und dumm abgestempelt. Sich die Mühe zu machen, zu verstehen, warum in dieser Situation, oder vielleicht auch öfter die Emotionen überkochen, muss man sich schließlich nicht machen, oder? Und sicher bekommt dieser Mensch nächstes Mal viel besser mit einer unangenehmen Situation klar, wenn man ihn erstmal so richtig schön diffamiert, bloßstellt und demütigt und sich obendrein sich über noch lustig macht, nicht wahr!?

Ich sehe und höre ständig wütende Menschen um mich herum und frage mich oftmals, warum man mir dieses Verhalten immer vorgeworfen hat und noch verletzender, warum man mir sagte ich „bin immer so wütend“, als ob ich keine andere Eigenschaft besäße. Man sagte mir, man konnte dagegen nichts machen. Mag sein, aber es geht doch verdammt nochmal um Gefühle. Kann man denn jemanden einfach mal so anordnen, nicht zu fühlen? Seelische Schmerzen sind genauso ernst wie physische und lassen sich nicht einfach abschalten. Aber man kann lernen, mit ihnen umzugehe.

Heute frage ich mich, könnte vielleicht gar jemand, der mit einer Frustrationstoleranz in der Größenordnung eines Nanopartikels auf die Welt gekommen ist und sich durch seine Lehren die er im Leben sammeln musste, vielleicht irgendwann sogar verständlicher und geduldiger sein, als jemand, der sich dieses Verhaltens gar nicht bewusst ist, weil er oder sie nie darauf hingewiesen wurde?

Die Wut, lauert hinter jeder Ecke. Kürzlich sah ich nämlich mal wieder einen kleinen Menschen mit seiner Wut im roten Gesicht und ich tat gut daran ihn einfach lieb zu haben, denn Wut kann ganz schön ansteckend sein, aber Liebe ist wie ein Bumerang, sie kommt immer zurück. (Sofern richtig geworfen)

 

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