Für die Sache – Wie man sich nicht unbedeutender macht, als nötig

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Reflexionen meiner Empathie Radrundreise Tag 2

der zweite Artikel aus einer 21-teiligen Reihe zu meiner Radrundreise im August 2019. Für jeden einzelnen Tag picke ich mir ein Thema heraus, das mich beschäftigt hat, durch welches ich etwas gelernt, oder eine Erkenntnis gewonnen habe.

In diesem Beitrag geht es um Mut, Selbstreflexion und Bereitschaft, sich für das einzusetzen, was einem wichtig ist, oder wichtig sein sollte.

Dazu habe ich mich mit vielen Fragen auf meiner Reise beschäftigt. Einige davon waren zum Beispiel die folgenden:

  • Wie ist es möglich, dass es mehr Menschen gibt, die sich nicht nur über schlechte Situationen beschweren, sondern sich aktiv dafür einsetzen?
  • Wie könnte die Welt aussehen, wenn es weniger Ressentiment gibt?
  • Was kann, oder gar sollte man selbst tun, wenn eine Herausforderung zu groß erscheint, oder Zweifel besteht, man selbst könne etwas bewirken?

Arbeiterstadt

Am zweiten Tag erreiche ich Harwich. Keine Stadt, die auf den ersten Blick begeistert. Aus der Richtung, der ich kam führte es mich durch einen lang gezogenen Wohnbereich. Einfache Häuser, teils renovier bedürftig. Eine Gegend, die man gerne als Arbeiterstadt bezeichnen kann.

Nachdem ich mir mein Ticket für die Fähre besorgte (und nach kurzem Schrecken, dass ich vielleicht erst in zwei Tagen weiterreisen könne), machte ich mich auf, um nette Menschen und schönere Ecken zu entdecken. Es führte mich durch teils vermüllte Parks, bis ich das kleine Stadtzentrum erreichte. Auf einem Straßenmarkt wurden gerade Stände geschlossen und ich wurde auf ein Coffee House aufmerksam.

Kaffee geht immer, dachte ich, und Wasser brauchte ich auch, also nix wie rein.

Der Mann der jeden kennt

Ich wurde sehr freundlich von einer Mitarbeiterin am Tresen bedient.

Ein Herr an einem Tisch am Fenster, war zu Scherzen aufgelegt. Ich bestellte nur einen Kaffee, und widerstand den Torten, die sehr einladend aussahen und fragte, ob ich später meine Trinkflaschen auffüllen lassen dürfe. Gary, der Herr vom Tisch, stellte sich nun als Besitzer des Coffee House heraus. Er kam dazu und bot mir freundlich seine Hilfe an.

Es kamen weitere Gäste herein und es machte den Eindruck, er würde jeden einzelnen Menschen, der einkehrte persönlich und mit Namen kennen.

Das Coffee House

Das Coffee House war kein Ort, wo die Elite der Gesellschaft, oder besonders trendige Menschen einkehrten. Vielmehr erinnerte mich das Publikum an das Publikum in einer Dorfkneipe inmitten Brandenburgs.

In Harwich, so nahm ich mir vor, sollte der erste Tag sein, an dem ich mich sehr aktiv auf fremde Menschen einlassen wollte, und nicht nur solche, die mich an einer Kasse bedienen.

Ich initiierte eine kurze Unterhaltung mit Gary und erzählte ihm von meiner Reise und dem Wunsch, mich mit verschiedenen Menschen zu unterhalten. Ich dachte mir, wer wäre besser für ein Gespräch geeignet, als jemand, der scheinbar die ganze Stadt kennt? Gary machte mich daraufhin mit Laura, die an einem der Tische auf der Terrasse saß bekannt. Ich solle doch mit ihr sprechen. Sie kennt die Gegend und die Leute. Sie war erst leicht schockiert und verwirrt und ich fragte sie, ob ich mich zu ihr setzen dürfe. 

Eine ungewöhnliche Verwicklung in ein Gespräch

Laura ist Lehrerin für Schüler im Erwachsenenalter, die neben anderen sozialen Problemen, vor allem Schwierigkeiten haben Jobs zu bekommen.

Ihre Stimme klang genauso rauchig, wie es ihr Zigaretten verbrauch vermuten lassen würde. Überhaupt schien um mich herum jeder Raucher zu sein. Ständig klickten Feuerzeuge und in ungünstigen Momenten saß ich in einer Rauchwolke. Es sollte mir für meine Mission und mein Vorhaben, empathisch sein zu wollen heute aber Nebensache sein. Ich wollte zuhören, verstehen und offen gegenüber jedem sein. In Zigarettenqualm sitzen ist für mich schon eine Empathie-Übung.

Verständlicherweise war Laura anfangs etwas gehemmt. Schließlich hat sie vermutlich nicht vorgehabt das Coffee House zu besuchen, um mit wildfremden Typen mit deutschem Akzent zu reden. Sie wurde aber im Laufe der Unterhaltung entspannter.

Gesellschaftliche Herausforderungen

Laura wirkte, als würde sie generell ihren Job mögen und sich auch bemühen, um den jungen Menschen, mit denen sie arbeitete, gute Chancen für ein besseres und sichereres Leben zu bieten. Sie schilderte Probleme, wie sie in vielen anderen Berufen, insbesondere im Sozialbereich. Sie wirkte letztlich jedoch nicht wie jemand, die sich in ihrem Beruf auslebt.

Während des Gesprächs waren einig, dass gerade diese Berufe Fachkräfte benötigen, die motiviert, trainiert und empathisch arbeiten. Doch besonders eine dieser Fähigkeiten, fällt vielen Menschen in diesen Berufen zunehmend schwer. Die Motivation. So auch für Laura, die sich und ihre Kollegen in ihrer Arbeit Zunehmend drangsaliert fühlen, durch immer mehr anfallende Bürokratie und immer mehr aufgebürdete Verantwortung, ohne gleichermaßen Entlastung in anderen Bereichen. Ganz zu schweigen von der Bezahlung. Ein Problem, mit dem sie ganz gewiss nicht alleine dasteht, richtig?

Ein bekanntes Problem

Im Verlauf erzählte sie mir von den Problemen mit Ofsted, einer Institution, die das Schul- und Bildungssystem in Großbritannien bewertet.

Auf Nachfrage erzählte sie mir von Erfolgen mit ihren Schülern, aber auch von den Hoffnungslosen fällen. Doch vor allem viel mir auf, wie hoffnungslos sie selbst eigentlich wirkte.

Ich hörte ihr zu, wie sie davon erzählte, wie immer mehr Regeln zu folgen wäre, und dass die Regeln immer mehr einschränken. Zunehmend arbeite man, um nur noch Checkboxen abzuhaken. Ein Problem, dass mir nur allzu familiär vorkam.

Allein machen sie dich ein

Ich fragte sie, ob sie dann nicht etwas dagegen tun müsse, schließlich würde sich die Situation, weder für die Schüler noch für sie ändern, wenn man „einfach nur dauerhaft“ den Regeln folge. Doch es schien, als würde sie bei dieser und ähnlichen weiteren Fragen kein einziges Wort zu bemerken, denn sie einigte sich mit mir, ohne dass ich mich einigen wollte, dass “man nichts machen kann”.

Müsste man sich nicht gegen diesen Druck wehren? Sie erkannte keine Eigenverantwortung für die Situation. Sie müsse eben damit leben, und scheinbar so auch alle anderen Beteiligten. Ich habe, trotz innerlichen Protest, keine Diskussion angezettelt. Ich denke jedoch, dass es Diskussionen darüber geben muss. Mir geht es dabei gar nicht darum, die Meinung von Laura zu kritisieren. Vielmehr geht es mir darum die Diskussion anzuregen, was denn eigentlich möglich sein kann, wenn sich alle zusammentun würden und solche Probleme anpacken, statt hinzunehmen.

Es gibt einige Berufsgruppen, die nicht ausreichend organisiert sind, um schlechte Bedingungen anzukämpfen, und leider gehören viele Soziale Berufe dazu. Ich fand dazu eine interessante Diplomarbeit zu dem Thema (Allein machen sie dich ein – Soziale Arbeit und Gewerkschaften Begründungen, Formen und Perspektiven gewerkschaftlich organisierter Sozialer Arbeit).

Selbstverantwortung

Selbstverantwortung zu erkennnen ist keine einfache Sache. Ich schließe mich da nicht aus. Egal ob im Berufsleben, oder bei Problemen in der eigenen Familie. Es ist leicht, die Schuld bei seinen mitmenschen zu finden und noch leichter, wenn es eine scheinbar übermächtige Kraft, wie die Politischen Entscheider, oder große “böse” Unternehmen sind. Die Opferrolle zu erkennen und zu akzeptieren ist eine der unangenehmsten Dinge, die man erfahren kann. Sich aber aus dieser Rolle zu entziehen, belohnt wiederum mit Macht.

Wie oft beklagen wir uns über die unangenehmen Eigenschaften unserer Mitmenschen? … Die Unverschämtheit des anderen findet meist sein Gegenstück in meiner Unfähigkeit, nein, zu sagen, und mein [eigenes] Interesse auszudrücken.

“Miteinander reden”, Friedemann Schulz von Thun

Zu selten und viel zu wage habe ich in der Vergangenheit für etwas eingestanden, nur, um mich darüber täglich zu ärgern. Und das Schlimme daran, immer wieder kam es vor, dass Monate, oder gar Jahre vielleicht doch genau das umgesetzt wurde, was ich schon lange eingefordert habe. Doch hatte ich Anerkennung verdient?

Doch woran messe ich eigentlich, dass ich wirklich mein Bestes gegeben habe, um erhört zu werden, oder dass Vorschlägen, die mir wichtig sind, nachgegangen wird? Gerade dann, wenn die Gegenseite scheinbar übermächtig und taub gegenüber der eigenen Stimme erscheint?

Einfluss, wo Einfluss unmöglich erscheint

Das Gespräch mit Laura hat mich daran erinnert, darauf zu achten nicht das zu tun, was letztlich am meisten Erfolg verspricht, sondern was für mich und andere Menschen wertvoll und wichtig ist. Wenn ich nicht für meine eigenen Anliegen offen einstehe, tue ich vielleicht nichts schlechtes, aber langfristig, schadet man sich letztlich selbst und obendrein möglicherweise auch andere.

Versuche nicht ein erfolgreicher Mensch zu werden, stattdessen versuche eine wertvolle Person zu werden.

Albert Einstein

Was mir am Ende des Tages wichtig war

Ich bedankte mich bei Laura für ihre Zeit. Wir hatten uns lange unterhalten und wie du siehst, hat das Gespräch in mir einiges ausgelöst und mich daran erinnert, auch bei mir selbst darauf zu achten, nicht in die Opferrolle zu gelangen. In welchem Lebensbereich scheinst du festzustecken, weil du glaubst, dass du keinen Erfolg mit deinen Forderungen hast, und was wäre das, was du eigentlich tun solltest, um dafür einzustehen, was dir wichtig ist? Schreib mir doch etwas in den Kommentar Bereich.

Take away – Die Zusammenfassung

  • Für diejenigen in Führungspositionen: Entwendete Autorität führt zu Aufgabe und Missmut. Je mehr die Autorität von jemanden untergraben wird (z. B. Lehrern, die mehr und mehr nur Checkboxen abzuhaken haben), desto größer werden die Probleme in der Zukunft – wenn jemand, oder eine Institution dafür sorgt, dass niemand mehr selbst denkt und handelt, dann ist diese Person, oder Institution irgendwann verantwortlich für die Probleme.
  • Ressentiment verschlimmert langfristig jede Situation und führt zu Mangel an Authentizität und Integrität. Hüte dich davor, ihr zu erliegen. Du kannst viele Beispiele im Alltag finden, schau dich einfach mal um und achte darauf, wie viele Menschen sich über etwas beklagen. Sei es die Arbeitssituation, der Chef und so weiter, aber, wie viele Menschen lassen dann daraufhin Taten folgen, um die Situation zu ändern? Und was am meisten zählt, frage dich: Wie oft verhalte ich mich selbst authentisch und integer?
  • Achtsam sein, wo lebe ich in der Opferrolle, ohne, dass es mir vielleicht bewusst ist?
  • Raus aus der Opferrolle, auch wenn es schwer fällt und weh tut.

Zusammenfassung zur Radfahrt am Tag 2

Zu jedem Reisetag gibt es einen kurzen Eintrag zur gefahrenen Strecke, zu weiteren Gesprächen, die im Beitrag nicht näher erläutert wurden und ist einfach ein Bonus.

  • Ca. 45 km gefahren
  • Assington – Harwich
  • 5 Gespräche
  • Übernachtung unter freiem Himmel am Strand von Harwich

Highlights:

  • Begleitung gefunden (Martin aus Norwegen) – mehr zu dieser Person im nächsten Beitrag
  • Hilfe und Tipps am Hafen von Harwich von einem netten Pärchen
  • Gary, der Besitzer vom Coffee House, der „jeden“ kennt
  • Unter freiem Himmel am Strand übernachtet
  • Ein bisschen sündigen und eine Packung Chips am Abend genossen
  • Empathie für Hunde: Ein Schälchen mit Wasser für alle Hunde vor einer kleinen Cottage
  • Kostenloses Obst: Ein Bäumchen voll mit gelben Pfläumchen
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