Kalte Füße bekommen

Ich beginne heute ein bisschen autobiografisch, um den Bogen zu einem Thema zu spannen, das wohl jeden irgendwann trifft: unbegründete Ängste. Also, ab, kurz zurück in meine Vergangenheit.

Kinder kommen auf Ideen und dann fressen sie die Raben

Ich blicke auf meine nackten Füße. Sie stapfen durch eine Wiese, deren Grashalme mit Eis belegt sind. Mir ist kalt und ich bin bis zur Hüfte nass. Mein Ziel ist eine Scheune, die ich ein paar Minuten später erreiche. Gemeinsam mit meinem Freund suche ich einen Zufluchtsort und ein bisschen Wärme. Ich habe ganz schön kalte Füße bekommen.

Was ist passiert?

Ich versuchte mit einem Freund, um unseren Heimweg abzukürzen, über einen der Gräben auf den Feldern hinterm Haus meiner Eltern zu überspringen, mit, nun ja, äußerst großem Misserfolg. Wir endeten letztlich patschnass, er bis zu den Knien, ich bis zur Hüfte. Was für eine mega-peinliche Situation für die zwei Jungs vom Dorf. Was würden unsere Eltern wohl sagen? Kriegten wir Anschiss? Hausarrest?

Unsere megaschlaue Taktik danach war erstmal Unterschlupf in einem Schuppen auf dem Hof zu finden. Vollgestopft mit Kartons bietet er uns sicher genügend Wärme bei Temperaturen um den Gefrierpunkt.

Ich habe die Situation noch heute vor Augen und fühle die Kälte, wenn ich mich nur an diesen Moment zurückerinnere. Ich lugte durch einen kleinen Spalt zwischen den Holzleisten. Die Gedanken waren: Hoffentlich hat uns keiner bemerkt. Ein bisschen hier aushalten und keiner kriegt etwas mit. Klarer Fall, Verdrängung.

Der perfekt ausgetüftelte Plan ging natürlich grandios auf. Ein paar Minuten später sehe ich durch meinen kleinen Spalt jemanden schnurstracks in unsere Richtung schreiten. Wir waren geliefert.

Was folgte danach? Ein paar Wochen Stubenarrest, aber erstmal eine ordentliche Erkältung. Der Anschiss, den wir vermeiden wollten, kam, aber nicht wie erwartet: Er äußerte sich eher in Verständnislosigkeit. Warum habe ich vor einem imaginären Anschiss mehr Angst gehabt, als vor der drohenden Erkältung? Warum habe ich kein Vertrauen in die Gutherzigkeit meiner fürsorglichen Eltern gehabt? Es gab keinen Grund für diese Angst. Und doch, ich suchte das Exil in einem Haufen ausgedienter Kartons. Einfach nur kindliche Leichtsinnigkeit, oder steckte da vielleicht mehr dahinter?

Vor dummen Plänen sind wir Menschen leider auch im Erwachsenenalter nicht sicher. Immer wieder schafft es auch die vermeintlich reifere Gesellschaft Dummheiten zu begehen, die der Aktion der zwei Jungs mit den nassen Füßen in nichts nachsteht.

Doch sollte es im Leben nur um das Vermeiden von dummen Aktionen gehen?

Träume – gibt’s heute noch

Es ist erstaunlich, was das Hirn alles zu projizieren vermag. Ein Beispiel gefällig? Mein Traum kürzlich; ich bin auf einer Leiter aus Käse in die Höhe bis über die Wolken geklettert, bis sich plötzlich die Stufen in zerbrechliche Salzstangen verwandelten, die unter meinen Füßen plötzlich zu zerbrechen begannen. Ich verspürte Angst, die sich real anfühlte, so wie das Gefühl des Fallens.

Nun ja, in diesem (Achtung Wortspiel) Fall scheinen die Gedanken meines kurzzeitig mit Kreativität getränkten Hirns ein wenig zu abgefahren gewesen zu sein, sodass es mir nicht schwer viel, die Gefühle wieder in den Griff zu bekommen und ich hatte am Morgen danach etwas Witziges zu erzählen. Nur ist die Unterscheidung von realer und übertriebener Angst oft äußerst schwer.

Bei Problemen im Leben suchen wir dann gerne nach Fakten, um unsere Gefühle zu beruhigen. Dumm nur, dass man bei vielen Problemen nur noch mehr Bestätigung für das Problem findet. Du weißt auch bestimmt warum. Weil wir danach versuchen zu bestätigen, was wir gerade fühlen. Naja, vielleicht nicht gerade, wenn wir gerade von Salzstangen träumen, die sich in Käseleitern verwandeln; jedoch zum Beispiel beim…

…Gedanken ins kalte Wasser des Atlantiks zu springen.

Das Gefühl bei Temperaturen um 10 °C von Freiheit und Erfrischung ist eine äußerst bereichernde Erfahrung. Das Lebendig fühlen ist mindestens ein Argument, dass dafürsprechen kann.

Doch es spricht ja auch was dagegen, oder?

Hole ich mir nicht dabei eine Erkältung? Ach ja, und wo kann ich mich eigentlich ungestört umziehen? Überall nur Matsch, wie kriege ich denn meine Füße nur wieder sauber? Außerdem liegen überall Steine, ich bin doch so empfindlich an den Füßen, ich komme da eh nie rein und von den Leuten will ich auch nicht angeglotzt werden. Ja, und was, wenn ich mich letztlich gar nicht traue, das wäre ja noch peinlicher. Ich werde danach bestimmt nicht mehr warm und friere den restlichen Tag.

Überzeugen dich noch die positiven Argumente? Kannst du dich nach den ganzen Einwänden überhaupt noch für den Gedanken ins kalte Nass zu springen erwärmen?

Falls du etwas über das Lebensgefühl von fast unbeschreiblicher Freiheit und Zufriedenheit einer solchen Aktion wissen willst, solltest du es wirklich ausprobieren, oder vielleicht ein Wort mit meiner mutigen Frau wechseln, die in die Fairy Pools während unserer Reise durch Schottland sprang. Vermutlich bisher unsere kälteste Schwimmstation (die ich jedoch noch nicht nutzte).

Mittlerweile haben wir es uns zum regelmäßigen Spaß gemacht bei so ziemlich jeder Möglichkeit in der Nähe von kalten Gewässern einen schnellen Sprung ins Wasser zu wagen. Die oben genannten Einwände kommen immer noch hoch, doch wir wissen es jedes Mal ein bisschen besser, dass die Imagination des Bösen einfach totaler Nonsens ist. Manchmal jedoch passiert sogar etwas schlimmeres, als angenommen, wie zum Beispiel ein zusätzlich auftauchender Hagelsturm, der uns zwei Kilometer in Schwimmsachen, barfuß zum Auto jagt und trotzdem in einer lohnenden Erfahrung endet, nass und glücklich. Lebendig fühlend.

Hauptsache man lernt etwas – Es ist nur peinlich, wenn du es zulässt

Ich bereue meinen Sprung über den unüberwindbaren Graben heute nicht mehr und auch jegliche weitere potenziell Peinlichkeit. Der Aufenthalt zwischen Pappkartons hat mir eine großartige Anekdote beschert, über die ich mich immer wieder gerne amüsiere. Sie zeigt mir, viele Ängste sind unbegründet, und selbst wenn etwas einmal einfach falsch ist, zu Fehlern lässt sich gut stehen, denn sie sind unsere besten Lehrer. Sie bevormunden uns nicht. Sie sind Erfahrungen, die uns reicher machen. Sind wir nicht lieber reich an Erfahrungen, als reich an Ängsten?

Welcher Angst willst du dich stellen?

Lass es mich und deine Mitmenschen wissen und die Welt zumindest ein wenig Angst vor unseren eigenen negativen Gedankenvorstellungen befreien.

In diesem Sinne, lebe Sinn und Voll

Björn

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