Kritik, kann die weg, oder braucht die noch jemand?

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In meiner Empathie Lounge habe ich kürzlich zum Dialog über das Thema Kritik eingeladen. Ich vermutete gemischte Reaktionen und einen spannenden Dialog. Den bekam ich.

Überrascht war ich aber, dass es nach den ersten Minuten kaum unterschiedliche Meinungen gab. Doch noch mehr überraschte mich die einstimmige Meinung darüber, dass Kritik wichtig ist, auch von Teilnehmern, von denen ich es nicht erwartete.

Was war los? Hatte mich meine Menschenkenntnis getäuscht? Ist Kritik vielleicht unverzichtbar? Warum reagieren wir aber im Alltag oft so gereizt auf Kritik? Ist es notwendig, dass wir lernen, Kritik immer wohlwollend aufnehmen zu können? Ist das überhaupt möglich?

Viele Fragen rauschten durch meinen Kopf und ich bemerkte, ich könnte es nie schaffen, das alles in meiner Redezeit zu vermitteln. Nach der Hälfte des Termins wagte ich ein wenig zu experimentieren und setzte einen kleinen Samen in den Dialog und fragte nur, ob Kritik denn wirklich so unvermeidbar und wichtig sei. Dann entstand etwas, das faszinierend war, zu beobachten. In diesem Artikel erfährst du, welche Gedanken und Erkenntnisse dabei entstanden sind und dich erwarten einige meiner Erfahrungen für empathische Lösungsansätze.

Warum kritisiere ich überhaupt?

Nehmen wir uns zu Beginn ein bisschen Zeit für Reflexion.

Versuche dich an die letzten Male zu erinnern, an denen du kritisiert wurdest.

  • Wie hast du dich gefühlt?
  • Warst du dankbar dafür?
  • Warst du fröhlicher danach?

Versuche, dich nun an die letzten Male zu erinnern, an denen du jemanden kritisiert hast. Vielleicht deine Partnerin, dein Kind, deine Kollegin.

  • Wie waren die Reaktionen?
  • Hatte sich dadurch eure Beziehung verbessert?

Meinen Erfahrungen nach, insbesondere als Ehemann und Vater, bringt Kritik selten bis nie das Resultat, das ich mir davon erdacht habe (falls ich mir dabei überhaupt etwas gedacht habe). Ich glaube, das ist ein Punkt, wo man Kritik kritisch betrachten kann. Statt also den Kritiker vorschnell herauszulassen, könnte man sich erst mal die Frage stellen: Warum habe ich gerade den Drang, mein Gegenüber zu kritisieren?

Gründe

In den ersten Minuten der Empathie Lounge viel mir auf, dass alle Teilnehmer Kritik vorwiegend rational betrachteten. Sie redeten über Potenzial für persönliches Wachstum und im Vordergrund der Argumente und Meinungen stand dabei die Notwendigkeit von Kritik zu bestätigen. Alles, was gesagt wurde, waren gute Anliegen und die Teilnehmer erzählten davon, wie sie an ihrer eigenen Kritikfähigkeit arbeiten. Wenn man sich mit Zitaten beschäftigt, dann wird auch schnell klar, woher diese Tendenz kommen kann, denn wir leben in einer Leistungs- und Optimierungsgesellschaft. Sprüche wie: “Wer Kritik übel nimmt, hat etwas zu verbergen”, ein Zitat von Helmut Schmidt, sorgen schnell dafür, den Entschluss zu ziehen, dass Kritik notwendig ist und nur derjenige das Problem ist, der auf Kritik empfindlich reagiert. Doch ist das schon die Lösung?

Es gibt schließlich auch Sprüche wie: “Kritisiere nicht, was du nicht verstehen kannst.” ein Zitat von Bob Dylan.

Kritisiere nicht, was du nicht verstehen kannst

Bob Dylan

Das wahre Gesicht der Kritik?

Es ist großartig, wenn Menschen daran arbeiten, resilient zu werden und versuchen Kritik nicht an sich persönlich heranzulassen und stattdessen daran wachsen wollen. Doch wie zeigt sich Kritik eigentlich im Alltag? Wenn du kritisierst oder kritisiert wurdest, war das dann in der Regel…

…rücksichtsvoll?

…wertschätzend?

…würdevoll?

…freundlich?

…liebevoll?

…auf Augenhöhe?

Manchmal passiert es, dass ich etwas sage und plötzlich reagiert jemand gereizt ohne, dass ich bewusst etwas bewertend gemeint habe. Was passiert da eigentlich? Die vielleicht häufigste Form von Kritik ist vielleicht die, die gar nicht so gemeint ist. Es sind meist bewertende Sätze. Dabei hilft gewaltfreie (gfK), bzw. bewertungsfreie Kommunikation. Hier ein paar Beispiele, fühle dich mal hinein, wie du Botschaften anders senden kannst:

  • “Warum hast du noch nicht deine Hausaufgaben gemacht?” (Bewertend) VS
    “Wann willst du dich um deine Hausaufgaben kümmern?” (Erkundend)
  • “Warum bist du diese Woche nicht zum Training gegangen?” (Bewertend) VS
    “Wie fühlst du dich diese ohne dein Training?” (Erkundend)
  • “Du bist immer so aggressiv!” (Bewertend) VS
    “Macht dich gerade etwas wütend?” (Erkundend)

Insbesondere “Warum-Fragen” können schnell eine defensive und bewertende Reaktion in anderen Menschen hervorrufen. Genauso wie Pauschalisierungen. Gute Kommunikation ist meiner Meinung nach wertschätzend und friedensstiftend und führt zu zufriedenstellenden Gesprächen für jeden Beteiligten. Ich glaube aber, sie muss nicht perfekt sein. Wenn du schon Kommunikationsworkshops besucht hast, hast du dich vielleicht auch schon mal von den Dingen, die man beachten sollte, überwältigt gefühlt. Perfekte Kommunikation ist eine Zielsetzung, die unrealistisch und entmutigend ist. In der Empathie Lounge versuchen wir verschiedene Mittel aus der Kommunikationslehre zu benutzen, aber im Kern gibt es als roten Faden hauptsächlich die Grundregel: Jeder bemüht sich darum, dafür zu sorgen, den anderen zu seiner völligen Zufriedenheit verstehen zu wollen. Das lässt sich verfolgen und motiviert, denn jeder Dialog bietet Raum für erkenntnisreiche Erfahrungen.

Strategien

Bevor ich lernte mit Kritik besser umzugehen (und da bin ich noch nicht fertig mit), hatte Kritik auf mich große Auswirkungen. Das führte zum Beispiel zu Prüfungsängsten, Versagensängsten. Ich entwickelte Kritik-Strategien.

Strategie Nummer eins war: Kritik ausweichen. Ich bemühte mich darum keine Fläche für Kritik zu bieten und wurde dadurch mit der Zeit zum „people pleaser“. Das heißt, ich versuchte, jedem alles Recht zu machen, nur um nicht kritisiert zu werden, bis hin zu einem Grad, der ungesund für mich war.

Strategie Nummer zwei war: Angriff. Getreu dem Motto: “Angriff ist die beste Verteidigung”. Meine Ersatzstrategie, waren patzige Kommentare und verbale Gegenangriffe. Aus Erfahrung rate ich von dieser Strategie ebenfalls ab 😉

Ich fürchte, mit diesen Strategien stehe ich nicht allein da. Was sind die Strategien, die du anwendest, wenn du kritisiert wirst?

In den letzten Jahren habe ich viel an meiner Kritikfähigkeit gearbeitet und meine Toleranz für Kritik hat sich mittlerweile deutlich vergrößert. Doch ich stellte fest, dass meine Toleranz nicht allein die Lösung ist, weil ich noch immer davon abhängig bin, wie andere auf Kritik von mir umgehen. Wenn wir als Gesellschaft gut miteinander klarkommen wollen, dann braucht es vielleicht mehr als Kritikfähigkeit, denn Kritik tut vielen Menschen weh, und zumeist sogar aus sehr nachvollziehbaren Gründen.

Kritik tut weh

Ich gebe also zu, ich kritisiere. Meistens bemerke ich es mittlerweile schon im Moment, wenn ich es ausspreche und es hat oft wenig mit der anderen Person zu tun, sondern damit, dass ich mich gerade selbst kritisiert fühlte, oder ich betrachte etwas nur von meiner Seite und urteile schnell. Und so entsteht eine Art Kritik-Ping-Pong.

Obwohl ich es versuche zu vermeiden, so gibt es immer noch Situationen, in denen ich meine eigenen Erwartungen nicht zurückhalten kann oder will. Das Problem ist, es gibt bei Kritik fast eine Garantie darauf, dass Gefühle verletzt werden. Doch wie gehe ich nun mit meinen eigentlichen Zielen um? Was steckt hinter meiner Kritik? Was steckt hinter deiner Kritik?

Wenn ich kritisiere, dann geht es oft um Anliegen, die mir wichtig sind, oder wenn ich verteidigend kritisiere, um die Wahrung meiner Selbstwahrnehmung. Zum Beispiel, weil ich bestimmte Erwartungen habe. Oder weil ich glaube, mehr Erfahrung bei einem Thema zu haben und deswegen ein Mitteilungsbedürfnis habe. Es geht auch darum, was ich für richtig halte, was natürlich nicht gezwungenermaßen richtig sein muss.

Letztlich muss ich mir auch bewusst sein, ich bin immer Kritisierender und Kritisierter und eines ist uns vielleicht nicht klar: Wir besitzen eine Firewall.

Die Firewall

In der Empathie Lounge änderte sich der Dialog nach meiner Gedankenanregung. Plötzlich betrachteten die Teilnehmer Kritik vermehrt von der emotionalen Seite und teilten ihre Erfahrungen darüber, was in ihnen passiert, wenn sie kritisiert werden.

Die Erkenntnis eines Teilnehmers fasste das gut zusammen: Bei Kritik ummauern sich Menschen fast immer mit einer unsichtbaren Wand. Sozusagen eine „Firewall“ gegen Kritik, die obendrein Hilfestellungen, Tipps, Ratschläge und viele andere Dinge abprallen lässt. Wir werden vom Angegriffenen zum Verteidiger und starten im schlimmsten Fall sogar einen Gegenangriff. Kritik, egal wie wichtig und sinnvoll sie gemeint sein kann, verpufft meistens an der Firewall, die wir alle über die Zeit entwickelt haben, oder sie wird zum Querschläger, der gefährlich in die eigene Richtung schlägt.

Bei erneuter Betrachtung entstanden nun automatisch Lösungsansätze, wie es auch ohne Kritik dazu kommen kann, dass die eigentlichen Anliegen, die oft hinter der Kritik stecken, geklärt werden können und einer der größten Erkenntnisse der Teilnehmer war, dass es einen großen Unterschied macht, wenn man sich genug Zeit nimmt, um zu verstehen. Es ist ein Unterschied, die Möglichkeit zu sprechen ist nicht dasselbe, wie sich vollständig gehört zu fühlen.

Die Möglichkeit zu Sprechen, ist nicht dasselbe, wie sich vollständig gehört zu fühlen.

@EineDosisEmpathie

In der Empathie Lounge lernen Teilnehmer oft schnell, dass einer der häufigsten und größten Fehler schnelle Schlussfolgerungen sind. Unser Gehirn sucht oft instinktiv nach Lösungen, in der Regel den eigenen. Das ist oft die Quelle von unangemessener Kritik.

KEINE ERLAUBNIS = KEINE KRITIK

Wie ich schon beschrieben habe, man kann viel dafür tun, um seine Kritikfähigkeit zu trainieren, das muss uns aber nicht davon abhalten, verantwortungsvoll und würdevoll mit unseren Mitmenschen umzugehen. Ich kann dir nicht sagen, ob es wirklich komplett ohne Kritik im Miteinander geht. Ich habe persönlich jedenfalls die Ambition Kritikfrei zu leben, denn ich glaube, Kritik braucht es nicht. Es gibt meiner Meinung nach genügend und effektivere Alternativen, die das Befinden einer anderen Person nicht missbrauchen.

Meine Regel Nummer eins ist deshalb: Kritisiere, berate, bemängele nicht ohne Erlaubnis! Ich beherrsche das bei weitem selbst nicht perfekt. Doch, je mehr ich dieser Regel folge, desto vertrauter werden meine Beziehungen, wodurch ich besser in der Lage bin, auch über unbequeme Dinge zu reden. Ohne eingeschalteter Firewalls. Ich glaube, wir alle wissen, dass Tipps, Instruktionen oder Hinweise schnell als Kritik verstanden werden können, denn Botschaften kommen nie 1:1 korrekt so an, wie wir sie überbringen wollen. Egal, wie viel man über Kommunikation trainiert hat. Sprache bleibt immer imperfekt!

Sprache bleibt immer imperfekt!

@EineDosisEmpathie

Vertrauenskonto

Du kannst mit Kritik oder jeder anderen Art von Bemängelung, Bewertung oder Beanstandung nur dann etwas bewirken, wenn das Vertrauenskonto zwischen dir und der anderen Person gut gefüllt ist und die Firewall zwischen euch nicht aktiviert ist. Das Vertrauenskonto ist wie eine Art Depot, das du bei der anderen Person füllst, wenn du sie wertschätzt, wenn du ehrlich bist, wenn du dich verletzlich zeigst, oder wenn du geduldig bist. Fallen dir weitere Einzahlungsmöglichkeiten für dieses Depot ein?
Anders herum entnimmt man diesem Konto wieder etwas, z.B. durch Unehrlichkeit, Verurteilungen oder fehlender Verlässlichkeit.

Aus einer kritisierten Person kann immer eine lernwillige und interessierte Person werden. Falls die Person gerade nicht dazu bereit ist, sei nicht ungeduldig. Respektiere das und halte dich zurück. Du wirst erstaunt sein, wie häufig jemand später auf dich zurückkommen wird und sich bereit erklärt, deinen vielleicht wichtigen Worten Aufmerksamkeit zu schenken.

Was sind deine Gedanken zum Thema Kritik? Kann die weg, oder findest du sie notwendig? Teile mit mir deine Gedanken in den Kommentaren, oder schreibe mir eine Nachricht.

Mehr zum Thema gute Kommunikation kannst du in vielen Büchern erfahren. Hier sind meine Top 3 Buchempfehlungen:

  • 7 Wege der Effektivität von Steven R. Covey
  • How to be heard von Julian Treasure (engl.)
  • Wie man Freunde gewinnt. Die Kunst, beliebt, und einflussreich zu werden von Dale Carnegie

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