Lass uns streiten

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Ein Mann der durch eine Wand hindurchbricht und wütend auf dich zeigt
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Es herrscht wildes Durcheinander auf der Erde. Unzählige Menschen gehen gewaltsam aufeinander los. Der Grund dafür ist Streit darüber, wer denn jetzt mit dem Frieden anfängt. So ähnlich dürfte es für einen Nicht-Erdenbewohner bei einer Visite unseres Planeten aussehen.

Willkommen bei der Empathie-Post in dieser Woche. Regelmäßige Gedanken aus der Empathie-Lounge und Inspirations-Häppchen zu effektiver und wertschätzender Kommunikation, erfüllende Beziehungen und kleine Schritte für ein zufriedenstellendes und glückliches Leben.

In der Vergangenheit war ich der Meinung, Streit ist unnötig. Meiner Meinung nach war klar: Wir müssten in der Gesellschaft nur mehr dafür tun, dass wir besser miteinander umgehen, und dann könnte man alles zivilisiert lösen, doch in meiner Rechnung war nicht inbegriffen, dass die Welt wesentlich komplexer ist, als dass Kontrolle durch Umgangsformen die Lösung ist. Doch wie nun umgehen mit dieser Erkenntnis?

Menschen, denen Harmonie wichtig ist, tendieren dazu, sich Streit zu entziehen oder gar ignorieren. Dadurch aufgestautes Konfliktpotenzial führt zu Konsequenzen, die wesentlich dramatischer sein können als ein gepflegter Konflikt. Doch wie sähe gesunder oder gar heilender Konflikt aus? Finde in diesem Beitrag ein paar Anregungen und Denkanstöße und betrachte Konflikte von heute an vielleicht mit einem anderen Auge. Dieser Beitrag richtet sich vor allem an alle Konflikt-Prokrastinierenden und bietet außerdem ein paar Gedankenanregungen für diejenigen, deren zweiter Vorname Streitsucht ist 🤬

Über Streit lässt sich streiten

Wir sind dauerhaft mit Konflikten konfrontiert und auch wenn “Oasen der Harmonie” (wie oft die Empathie-Lounge) erstrebenswert sind, so werden sie immer nur Oasen in einer Welt der Konflikte sein und nicht dafür sorgen, dass Konflikte ausgerottet werden. Warum?

Wenn wir das Bestreben hätten, Konflikte auszurotten, dann würden wir vermutlich wesentliche Teile unserer Identität, unseres Seins und unseres Lebens ignorieren. Wir würden der Komplexität des Lebens nicht gerecht werden. Thematisiert hat das auch der dystopische Actionfilm Equilibrium (2002)-YouTube. (Spoiler Alarm) Müssen wir für den Frieden wie im Film unsere Streitsucht durch Abschalten unserer Gefühle loswerden? Oder, müssen wir sogar Streit, Krieg und Ungerechtigkeit im Namen der Freiheit und Unabhängigkeit akzeptieren? Was sollen wir denn nun mit diesen Konflikten machen? Wie gehen wir mit ihnen um?

Wage es zu widersprechen

In ihrem Ted Talk “Dare to disagree”-TED.com sagt Margaret Heffernan: “Eine fantastische Art der Zusammenarbeit sind denkende Partner, die einander nicht nachplappern.” In Ihrem Vortrag spricht sie auch über Organisationen und warnt: “… sie (Organisationen) denken nicht. Nicht deshalb, weil sie nicht wollen, in Wirklichkeit können sie nicht. Und sie können deshalb nicht, weil die Menschen in ihnen zu viel Angst vor Konflikt haben … In Befragungen europäischer und amerikanischer Führungskräfte haben ganze 85 Prozent zugegeben, dass es Fragen oder Bedenken bei der Arbeit gab, die sie fürchteten anzusprechen. Aus Angst vor dem Konflikt, der dadurch provoziert würde, aus Angst in Streitigkeiten verwickelt zu werden, mit denen sie nicht umzugehen wussten und wo sie das Gefühl hatten, verlieren zu müssen.”

Der Ted Talk wirft die Frage in den Raum: Können wir es uns überhaupt leisten, nicht zu streiten?

Was glaubst du, welche negativen Auswirkungen hat es auf dein Umfeld, wenn du und Menschen um dich herum Angst davor haben, Bedenken und Fragen zu äußern?

Offenheit ist nicht das Ende. Sie ist der Beginn.

Margaret Heffernan

Das Spiel mit deiner Empathiefähigkeit

So gesund eine Auseinandersetzung auch sein kann, das bedeutet nicht, dass Ablehnung ohne Begründung in Ordnung ist.

Das Echo um das kontroverse Videospiel “The Last of us Part II” hat ein Ausmaß erreicht, das weit über ein gesundes Maß an Kritik hinaus geht. Ein großer Teil der Kritik entsprang allein dem Impuls, Entscheidungen der Macher nicht akzeptieren zu wollen. Anders kann man sich sonst Kommentare wie: “It’s the Worst Game Ever and No, I Haven’t Played It” wohl nicht erklären.

Der ausführliche Artikel: „Last of Us 2 Controversy Still Remains One Year Later“ gibt einen tiefen Einblick in menschliches Handeln. Auch woanders im Internet lässt sich vielfältig beobachten, was passiert, wenn Fans eines der beliebtesten Unterhaltungsmedien dazu gebracht werden, sich auf einen unkomfortablen Perspektivwechsel einzulassen.

Gerade Videospiele haben durch ihre Fähigkeit zur Immersion großes Potenzial, uns viel zum Thema Empathie und dessen Auswirkungen zu lehren. Durch sie haben Nutzer nicht nur die Möglichkeit, die Perspektive des Feindes zu beobachten, sondern sogar einzunehmen. Konfliktpotenzial gleich mit eingeschlossen.

Solche Erfahrungen gehen weit über leichte Unterhaltung hinaus, denn die Perspektive seiner Widersacher ist selbst in einem Spiel nicht immer leicht zu ertragen.

Keine andere Geschichte, die ich bisher kenne, hat die Empathiefähigkeit seiner Nutzer derart intensiv und schmerzhaft ausgenutzt, denn das Spiel schert sich nicht darum, den Spieler am Ende seiner investierten Zeit (selbst-)zufrieden zurücklehnen zu lassen. Stattdessen wird der Spieler mit vielen Fragen allein gelassen: Warum habe ich noch mal bewusst meine Zeit damit verbraucht, mir die vielleicht unzufriedenstellendste Geschichte moderner Medien anzutun?

Im Fall des Spiels von Naughty Dog’s The Last of Us Part II haben viele Spieler den Entwicklern auch über ein Jahr später nicht verzeihen können.

Aber genau darin liegt meiner Meinung nach die Stärke solcher Experimente. Die Geschichte stellt mich nicht als Nutzer zufrieden und macht es mir recht, sondern sie fordert heraus, mich selbst, mein Handeln und meine Motivationen zu hinterfragen, bis zum bitteren Ende und darüber hinaus.

Könnten wir durch solche Erfahrungen vielleicht viel mehr lernen?

Was tut ein wahrhaftiger Regierer? 

Mein Freund, Solarguru und Podcaster (Sunpod) Michael Bonke hat mich einmal auf das Buch “Platon: Der Staat” aufmerksam gemacht. Dort gibt es eine Sequenz zum Thema Streit, die ebenfalss zum Nachdenken anregt. Es geht in der Passage darum, was passieren würde, wenn es keine Regierungen mehr gäbe. Das ist ja auch eine immer wiederkehrende Diskussion und für mich das perfekte Schlusswort, bevor ich dich von meinen ganzen Streitgedanken entlassen will:

“Denn es scheint, wenn eine statt aus lauter guten Männern bestände, so würde man sich um das Nichtregieren ebenso streiten wie jetzt um das Regieren, und da würde es dann an den Tag kommen, dass in Wahrheit ein wahrhafter Regierer nicht die Art hat, auf das zu sehen, was ihm selbst zuträglich ist, sondern auf das, was dem Regierten zuträglich ist: sodass jeder, der Einsicht hätte, es vorzöge, sich von einem anderen nützen zu lassen, statt sich damit zu bemühen, anderen zu nützen.” – Platon: Der Staat

Für welches Thema möchtest du streiten? Schreib mir doch deine Gedanken in die Kommentare.

Lebe sinnvoll,

Björn

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