Leid und Dankbarkeit – Fahrradsattelphilosophie Episode 1

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Der erste Beitrag über meine 400 km lange Radtour, von meinem Zuhause zum Stonehenge und wieder zurück.

Wenn man sich auf eine Radtour durch seine Region mit dem Rad einlässt, gibt es nicht nur neue Muckis in den Beinen, es unterstützt auch noch weitere Fähigkeiten, die entweder mal wieder eine neue Trainingseinheit verdienen, oder aber überhaupt erst entdeckt werden sollten. Je nachdem, wo man denn im Leben so steht. Radfahren hat viele Facetten, einige davon waren mir vor der Tour noch gar nicht bewusst. Deshalb gibt es also jetzt ein bisschen Philosophie vom Fahrradsattel. Da sich in drei Tagen einges an Gedanken zusammengetan hat, in mehreren Häppchen in Form einer Serie mehrerer Blogbeiträge.

Leide! Aber nicht wie ein Hund

Eine der offensichtlichsten Fähigkeiten, die meine Radfahrt auf die Probe stellte, war meine Leidensfähigkeit, die insbesondere an einer Körperstelle geprüft wurde.

Leidensfähigkeit ist eine wirklich nützliche Eigenschaft. Nicht nur, damit ich in der Lage bin mit dem Rad meinen Weg zum Ziel zu überstehen, sondern auch in vielen anderen Lebensbereichen. Zum Beispiel, wenn mir etwas Schlimmes widerfährt, oder ich mich wirklich großen Herausforderungen stellen muss, in denen es um mehr geht, als um Geld, oder Anerkennung.

Während ich also auf meinem Rad um jeden Kilometer strampel, grübele ich darüber, warum ich es eigentlich gerade weiterhin aushalte, obwohl das Hinterteil seit Kilometer 80 ziemlich „im Ar**h“ ist und ich trotzdem mittlerweile weitere 50 Kilometer am ersten Tag in die Pedalen trete. Ziemlich logisch wirkt auf dem ersten Blick, dass ich mein Ziel vor Augen habe, oder? Immerhin lassen sich die meisten Menschen eher länger auf etwas Unangenehmes ein, wenn etwas Lohnendes in Aussicht gestellt wird. Reicht es aber aus, einfach nur ein Ziel vor Augen zu haben?

Auf meiner Tour litt ich nicht nur unter den Schmerzen meines Hinterteils. Ich war auch für drei Tage dem heißesten und trockensten Sommer Englands, seit 1976 ausgesetzt, hatte mir am ersten Tag einen heftigen Sonnenbrand zugezogen und hechelte wie ein Straßenköter in der Wüste von einer zur nächsten Wasserversorgungsstelle. Den letzten Tag fuhr ich fast die ganze Strecke über 150 km unter Schmerzen im Knie. All das konnte ich aber tatsächlich gut ertragen und es gab eigentlich keine Zeit bei der Reise, an der ich wegen dieser Dinge an irgendetwas meines Vorhabens zweifelte. Mit einer einzigen Ausnahme, zu der ich an anderer Stelle noch etwas ergänze.

Woran mache ich also letztlich aus, etwas für Leidenswert zu empfinden und wie definiert man eigentlich Leidensfähigkeit für sich selbst? Denn wir sind ja alle letztlich unterschiedlich veranlagt, haben unterschiedliche Erfahrungen. Was für mich Leid bedeutet, muss es noch lange nicht für jemand anderen sein und anders herum gilt das ebenso. Das sind nur einige Fragen zu diesem Thema, dir mir auf der Strecke durch den Kopf gingen und zu denen ich zumindest einige Antworten für mein Leben finden konnte. Die viele Zeit allein mit sich und seinen Gedanken auf dem Rad können definitiv dabei helfen, sich in diesem Lebensbereich weiterzuentwickeln und ein Austausch dieser Gedanken und Gefühle würde sicher sehr bereichernd für jeden sein.

Wer mit Leid gut umgehen kann, dem fällt es leichter, schwierige Situationen zu bewältigen. Aufgrund meiner Erfahrungen im Bereich Kindererziehung und meiner früher sehr mangelhaften Resilienz habe ich mich in der Vergangenheit viel mit dem Thema beschäftigt und bin stetig auf der Suche nach weiteren Möglichkeiten diese essenzielle Eigenschaft zu üben. Es gibt viele Dinge, die im Leben passieren, die wir möglicherweise durch unsere vorausgegangenen Entscheidungen hätten beeinflussen können. Vieles aber können wir eben nicht umgehen und kommt einfach so über uns.

Ich habe dir deshalb von meiner Reise eine kleine Reflexionsfrage zu diesem Thema mitgebracht:

Was glaubst Du, stimmt eher? Du brauchst Leidensfähigkeit um Ziele zu erreichen, oder brauchst du Ziele um Leid auszuhalten?

Deine Antworten dazu hängen von deiner Persönlichkeit ab und Deinem persönlichem Blickwinkel, wie Du Dinge erlebt hast.

Manch einer begibt sich gar selbst in Leidsituationen, um darauffolgend Glück und Freude zu erfahren. Einige bekannte Beispiele wären wohl Bergsteigen, Bungee-Jumping, Fallschirmspringen oder Kampfsportarten. Die Intension dahinter kann unterschiedlich sein und oftmals hat es auch mit Adrenalinausschüttung zu tun. Doch, manche Radfahrer reden davon, dass gerade die Schmerzen gar das sind, was sie sich wünschen und was bei ihnen den Reiz des Sportes ausmacht. Wenn ich mich also als resilient erweise, führt dies also entweder zu Glücksgefühlen oder Dankbarkeit, damit kommen wir zur nächsten Fähigkeit, die auf meiner Fahrt sehr präsent gewesen ist.

Danke für diese Kleinigkeit (und den Schmerz)

Menschen nutzen oft Religion, um schwierige Zeiten zu verarbeiten, oder zu überstehen. Dies fehlt vielen Menschen in der Westlichen Welt, daher kann es eigentlich nur gut sein, wenn man etwas findet, das dabei hilft Dankbarkeit zu empfinden, auch, oder vielleicht insbesondere für die ganz kleinen Dinge im Leben.

Hier ein paar meiner Erfahrungen auf der Reise:

  • Wegen der unnatürlichen Hitze in diesen Tagen bereitete mir ein kleiner verfügbarer Schatten unter einem mickrigen Busch unglaublich viel Freude und Dankbarkeit, denn es war der einzig verfügbare
  • Teilweise hatte ich auf dem Weg Wasserknappheit – Der kleine Fluss Avon wird mir mein Leben lang als Quelle der Erfrischung und Großzügigkeit in Erinnerung bleiben und mir beibrachte, dass ein klatschnasses T-Shirt und nasse Socken das angenehmst vorstellbare Gefühl sein kann.
  • Das am ersten Abend notdürftig aufgestellte Zelt war das gemütlichste und wunderbarste Schlafzimmer der Welt, nachdem ich mich nach etwa 16-17 Stunden Reise erschöpft der Isomatte hingegeben habe
  • Wenn du die geilste Cola der Welt trinken willst, ist es scheißegal, welche Marke es ist. Fahre 80 Kilometer bei 35 Grad trockener Hitze durch die Gegend, erreiche einen Pub mit deinen aufgebrauchten Wasserreserven und bestelle Cola mit Eis – Zu meinen schönsten Erinnerungen von meiner Reise gehören die drei besten eiskalten Cola-Gläser meines Lebens.
  • Stell dir das gleiche wie bei der Cola nochmal mit einer kalten Dose Baked Beans vor. Ich liebe gutes Essen, aber diese Dose war unbezahlbar lecker

Die Radreise bestätigte mir nur einmal mehr meine bisherigen Erfahrungen mit dem Thema Glücksgefühlen. Ich habe auf einer weiteren Reise zumeist auf Luxus und Konsum verzichtet und dadurch mehr Freude empfunden und Dankbarkeit gezeigt. Dinge die im Alltag egal, oder gar als lästig erscheinen, bekommen plötzlich wertschätzende Beachtung. Ohne den Verzicht auf einige Dinge, wäre die Reise nur halb so wertvoll für mich gewesen. Denn nicht was ich besitze macht mich glücklich, sondern was ich tue und wie ich denke. Meine Stonehenge Fahrt führte mir das wunderbar vor Augen.

 

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