Meditation Radfahren

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Dies ist der fünfte Artikel aus einer 21-teiligen Reihe zu meiner Radrundreise im August 2019. Für jeden einzelnen Tag, den ich unterwegs war, picke ich mir ein Thema heraus, das mich beschäftigt hat, durch welches ich etwas gelernt, oder eine Erkenntnis gewonnen habe.

Lass mich dich also wieder mitnehmen. Den 5. Tag meiner Reise starten wir am Zeltplatz in Amsterdam und gelangen meditativ in der Austerlitz und erinnern uns daran, wie wichtig es ist, viel Zeit draußen zu verbringen.

Zeltplatz

Die letzte Nacht war anders als zuvor. Es war die erste Nacht, in der ich mir eine „offizielle“ Unterkunft gesucht habe und bin letztlich auf einem Campingplatz voller Touristen gelandet. Das war aber gut so, denn die Möglichkeit Zugriff auf Sanitäranlagen und fließend Wasser zu haben, war nicht wirklich von Nachteil. Die Kehrseite: Ich hatte mich die letzten Tage an die Ruhe der Einsamkeit gewöhnt und nun saß ich plötzlich mitten zwischen jeder Menge (größtenteils deutscher) Touristen. Musik dröhnte noch spät nachts von unterschiedlichen Seiten zu mir herüber. Zum Glück war ich müde genug, sodass ich dennoch schnell eingeschlafen bin.

Am nächsten Morgen packte ich direkt wieder, nutzte die Gelegenheit mit ein paar Leuten zu reden, und machte ich mich wieder direkt auf den Weg. Die ersten Meter waren durch Wind und Regen etwas erschwert, der Tag sollte mir aber noch viel bieten, auch Sonne.

Mal weniger reden

Ich blieb mir zu Beginn des Tages erst mal treu und übte mich weiter darin, mich aktiv Gespräche zu verwickeln und empathisch zuzuhören. In den Niederlanden fühlte sich das auch noch seltsamer an, als noch in Großbritannien. Nun war Englisch für mein Gegenüber in der Regel auch nur eine Zweitsprache und ich konnte nicht bei jedem davon ausgehen, dass er, oder sie mich versteht. So wie die Bäckerei Verkäuferin, mit der ich ein nettes Gespräch hatte, die aber danach vermutlich froh war, es irgendwie überstanden zu haben.

Im Laufe des Tages wurde das Wetter schöner, und als ich Amsterdam verlassen habe, die Umgebung immer einladender. Ich verlor mich langsam darin einfach nur in das Pedal zu treten und die Umgebung aufzusaugen. Ich war gefangen von der Magie des Radfahrens. Reden war plötzlich Nebensache.

Draußen sein

Wusstest du, dass Amerikaner im Durchschnitt 90 Prozent des Tages im Haus verbringen? Wie sieht das bei dir aus? Ich muss gestehen, dass es bei mir im Alltag oft vermutlich gar nicht viel besser aussieht.

Mein Vater hat dagegen eine sehr gute Strategie: Er hat einen Hund, mit dem er jeden Tag unterwegs ist und so einige Kilometer täglich macht und es ist immer dafür gesorgt, dass er etwas Zeit draußen verbringt. Auch an den Tagen, an denen ihn andere Verbindlichkeiten womöglich davon abhalten wollen (oder das Wetter nicht besonders einladend aussieht).

Die meisten meiner Nachbarn nutzen die gleiche Strategie. Und ich?

Ich „nutze“ dazu meistens meine Tochter, und liebe die gemeinsamen Spaziergänge und deren Vorteile. Sie bieten Raum für die besten Gespräche.

Die Kehrseite meiner Strategie? Meine Tochter muss nicht draußen Gassi gehen, und beißt mir nicht in die Hose, weil sie raus will. Vielmehr liegt die Verantwortung bei mir, sie aus dem Haus zu bekommen, und immer mit dem Ziel, es ohne Zwang zu schaffen.

Auf meiner Tour verbrachte ich mittlerweile den fünften Tag hintereinander ausschließlich Zeit draußen und es war großartig. Die Zeit war inspirierend und erholend wie ein nicht endender Spaziergang. Kennst du dieses Gefühl auch?

Meditativ

Meine Tour hatte aber nicht nur den Vorteil fast ausschließlich draußen zu sein, sodass meine Rübe ständig voller Sauerstoff war.

Die Strecke von Amsterdam nach Utrecht bot mir etwas, das ich bisher noch nicht kannte: Einen Radschnellweg, bzw. Fahrrad Highway, auf dem mir etwas Ungewohntes passierte: Ich wurde von einer älteren Dame überholt. Na ja, sie schummelte etwas, denn sie war mit einem „Electro Fiets“ – also Elektrofahrrad unterwegs. Meine Rache war: Ich hielt mich daraufhin für die nächste halbe Stunde in ihrem Windschatten?.

Währenddessen wandelte sich auch das Wetter und mit der Zeit fühlte sich die Fahrt absolut meditativ an. Ich befand mich absolut im Einklang mit mir, der Natur und dem Fahrrad. Der restliche Tag war eine durchgehende Entspannungsübung. Dazu kam, dass auch das Wetter sich später von seiner guten Seite zeigte und die niederländische Umgebung mir ihre schönste Gegenden präsentierte, als ich an wunderschönen Flussufern mit Hausbooten entlangfuhr und mich zwischendurch immer wieder an unzähligen Brombeerbüschen bediente, während ich oft nur durch idyllische Orte fuhr, oder meist Radwege, die durch die Natur führten. Die Strecke war einer meiner absoluten Höhepunkte der ganzen Reise.

Nachmachen – Nochmal machen

Es gibt nicht viele Dinge, die dermaßen meinem Wohlgefühl so gutgetan haben, wie die Fahrt am fünften Tag meiner Tour. Selbst die Zeit im dann hektischen Utrecht, dass mich mit seiner unzähligen Masse an Radfahrern faszinierte, war für mich im Anschluss dieser Strecke völlig entspannt. Um den Bahnhof herum wirkte es absolut chaotisch und es war kaum möglich, sich wieder auf den vollgestopften Radwegen einzuordnen. Doch dies ließ mich an diesem Tage nicht mehr aus der Ruhe bringen.

Meine „Meditation Radfahren“ hat dazu maßgeblichen Beitrag geleistet. Ich wollte gar nicht mehr aufhören und habe Utrecht noch am selben Tag verlassen, obwohl ich eigentlich die Möglichkeit hatte, dort bei jemanden übernachten zu können. Stattdessen trieb es mich in entspanntem Tempo bis nach Austerlitz, wo ich statt auf Bett unterm Dach, wieder auf Zelt und Schlafsack setzte, in absoluter Zufriedenheit.

Das Bunk und Utrecht – Ein besonderes Lokal mit besonderer Menükarte

Ich hatte zudem schöne Aufenthalte in zwei erwähnenswerten Lokalen.

Zum Einem das Bunk in Utrecht, welches, ebenso wie das Chellington Centre, eine ehemalige Kirche war und mit seinen Angeboten die Region und die Menschen dort unterstützen will. Der Service war fantastisch und das Essen ausgezeichnet bekommt von mir den Preis für die sympathischste Menükarte meiner Reise.

Abgeschlossen habe ich den Tag beim Beauforthuis, das während meines Besuchs das Lied „Ein bisschen Frieden“ von Nicole spielte und eine beeindruckende Geschichte hinter sich hat. Beide passten wieder gut zu meinem Reisethema Empathie, denn es waren Orte der Gemeinschaftlichkeit und miteinander.

Fazit

Was bleibt, ist das Wissen, welche Energien und Gefühle die Zeit auf dem Rad mit sich bringt. Erst mal angefangen, entstehen lauter Gedankenflüsse und absolute Zufriedenheit; ich erzählte nach meiner Tour oft davon, dass ich plötzlich Kreativität nur so ausgekotzt habe, so befreiend war die Dauerbewegung von drei Wochen auf dem Rad.

Die gleichmäßigen und runden Bewegungsabläufe ermöglichten aber auch gleichermaßen Momente der absoluten Gedanken- und Grübel-losigkeit, und fokussierte ich mich auf ruhigen Strecken ausschließlich auf den Rhythmus meiner Bewegungen. Kein negatives Gefühl, kein negativer Gedanke konnte mich bei meiner Radfahrmeditation mehr erreichen.

Zusammenfassung zur Radfahrt am Tag 4 – Highlights

Zu jedem Reisetag gibt es einen kurzen Eintrag zur gefahrenen Strecke, zu weiteren Gesprächen, die im Beitrag nicht näher erläutert wurden und ist einfach ein Bonus.

  • Ich fuhr etwa 70 km von Amsterdam durch Utrecht bis nach Austerlitz:
    • Vielleicht der schönste Streckenabschnitt meiner Reise
    • Besonders toll fand ich die Hausboote entlang der Fluss Strecke
    • In Utrecht viel besonders auf, mit welcher Rücksicht Autofahrer Radfahrer begegnen. Man merkt, dass das Fahrrad als gleichwertig, vielleicht sogar höher angesehen ist.
    • Bahnhof Utrecht:
      • Die Atmosphäre am Bahnhof war einzigartig wegen der völlig anderen Geräuschkulisse, als in anderen Großstädten. Das Klappern der Fahrräder und deutlich weniger Autolärm
    • Ich hatte meine erste Fahrt auf einem Fahrrad HIGHWAY
    • Mir gefiel die Schönheit von Nordholland, aber, gemessen an der Größe der dortigen Häuser und Grundstücke, war es offenbar vor allem reserviert für diejenigen, die besonders gut verdienen.
  • Erstaunlich war, die Radwege waren teils breiter als viele Straßen in Großbritannien.

Ich konnte den ganzen Tag lang immer wieder anhalten, um mich mit Brombeeren vollzustopfen und da man mit vollem Mund ja nicht redet, hab ich an diesem Tag einmal weniger Gespräche gehabt und einfach die Zeit zumeist allein genossen und mich unvoreingenommen auf die Umgebungen eingelassen.

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